Euro als Weltwährung: Europas geopolitische Chance
Kann der Euro zur globalen Leitwährung aufsteigen? Ökonomen Bert Rürup und Michael Hüther analysieren, wie Europa durch den Euro als Weltwährung an Macht gewinnen könnte.
Dieses Video wurde am 25.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die geopolitischen Gewichte verschieben sich rasant: Die USA wenden sich von Europa ab, China baut seinen globalen Einfluss aus – und Europa sucht nach Instrumenten, um in dieser neuen Weltordnung nicht zwischen den Großmächten zerrieben zu werden. Bert Rürup, Chefökonom des Handelsblatts, und Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, sind überzeugt: Der Euro als Weltwährung könnte eine der wirksamsten Antworten Europas auf diese Herausforderung sein – eine Form von Hardpower, die bislang kaum ernsthaft diskutiert wird.
Vom Pfund zum Dollar: Die Geschichte der Leitwährungen
Der Blick in die Geschichte zeigt ein klares Muster: Leitwährungen folgen der Macht. Im 19. Jahrhundert stieg das Britische Pfund zur unangefochtenen Weltwährung auf, getragen vom industriellen und kolonialen Aufstieg Großbritanniens. Mit dem Bretton-Woods-Abkommen von 1944 übernahm der US-Dollar diese Rolle – die USA waren zur dominanten Weltmacht geworden.
Doch auch der Dollar ist nicht unantastbar. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump verliert die amerikanische Währung an Statur: Die Nachfrage nach US-Staatsanleihen sinkt, der Dollarkurs wertet ab, und die geopolitische Verlässlichkeit der USA schwindet. Der sogenannte Nixonschock von 1971 – die Aufhebung der Goldeinlösepflicht – zeigte zwar, dass der Dollar auch schwere Erschütterungen überstehen kann. Doch die strukturellen Grundlagen seiner Dominanz erodieren zunehmend.
Hinzu kommt: Der weltweite Handel mit fossilen Brennstoffen, der den Dollar über das Petrodollar-System stützt, dürfte langfristig zurückgehen. Damit verliert die Transaktionsfunktion des Dollars an Gewicht.
Europas unterschätztes wirtschaftliches Gewicht
Ein zentrales Argument für den Euro als globale Leitwährung ist die schiere wirtschaftliche Größe der Europäischen Union. Die wirtschaftliche Gesamtleistung der EU übertrifft die Chinas – ein Umstand, der in der öffentlichen Debatte regelmäßig verdrängt wird.
Zugleich nimmt der Euro in der globalen Finanzarchitektur bereits heute eine bedeutende Nebenrolle ein:
- Der Euro belegt bei weltweiten Devisentransaktionen stabil Platz zwei hinter dem Dollar.
- Internationale Bankforderungen werden in erheblichem Umfang in Euro denominiert.
- Europäische Staatsanleihen gelten als wichtige Reserveaktiva auf den Weltmärkten.
Der entscheidende Schritt wäre, den Euro von einer Regionalwährung zu einer echten globalen Transaktions- und Reservewährung weiterzuentwickeln. Voraussetzung dafür sind institutionelle Reformen: eine gemeinsame Emissionsstrategie für Eurobonds, eine vertiefte Kapitalmarkt- und Bankenunion sowie eine Anpassung des EZB-Mandats, um globale Liquiditätsversorgung zu ermöglichen.
Geopolitischer Kontext: Europa zwischen USA und China
Das strategische Umfeld macht die Debatte besonders dringlich. Die USA wenden sich erkennbar von Europa ab – unabhängig davon, ob sie formal in der NATO verbleiben. Gleichzeitig nähern sich Washington und Peking in einem Verhältnis an, das beide Seiten als „strategische Stabilität” bezeichnen. Europa droht, in diesem Mächtedreieck marginalisiert zu werden.
Rürup und Hüther sehen deshalb zwei komplementäre Säulen einer neuen europäischen Hardpower:
- Verteidigungsfähigkeit: Langfristig unverzichtbar, aber kurzfristig nur schrittweise aufbaubar.
- Währungsmacht: Der Euro als globale Leitwährung würde Europa sofort politisches Gewicht verleihen und als Drittpol zwischen USA und China positionieren.
Hinzu kommt die aufkommende Stärke Indiens: Perspektivisch werden drei Wirtschaftsgiganten – USA, China und Indien – die Weltordnung prägen. Für Europa wäre eine starke Währung ein Schutzschild, um in dieser Konstellation nicht unter Druck gesetzt zu werden.
Politischer Mut gefragt – Denkverbote aufheben
Die Debatte scheitert in Deutschland bislang oft schon im Ansatz: Sobald das Thema gemeinsame europäische Staatsanleihen oder eine koordinierte Emissionspolitik auftaucht, bricht die Diskussion ab. Hüther erinnert an die Reaktion auf den Draghi-Report, der massive europäische Investitionen anmahnte und in Deutschland reflexartig abgelehnt wurde.
Dabei hätte die aktuelle Bundesregierung guten Grund, das Thema anzugehen: Innenpolitisch festgefahren, könnte ein europäisches Währungsprojekt als geopolitisches Leitthema koalitionsstiftend wirken. Die historische Parallele liegt nahe: Helmut Kohl und François Mitterrand schufen den Euro gegen erhebliche Widerstände – getragen von politischer Weitsicht statt kurzfristiger Kalkulation.
Die institutionellen Herausforderungen sind real: Aufwertungsdruck durch steigende Euro-Nachfrage, Vertragsänderungen beim EZB-Mandat, der Aufbau liquider Safe Assets. Doch die Ökonomen sind sich einig: Diese Fragen müssen gestellt und durchdacht werden. Europa hat geopolitisch wenig Zeit – und mit dem Euro ein mächtiges Instrument, das es bislang zu wenig nutzt.
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