Europas Deindustrialisierung: Droht der Abstieg?
Europa verliert im globalen Wettbewerb mit USA und China an Boden. Was Unternehmer und Politiker gegen Überregulierung und steigende Energiekosten fordern.
Dieses Video wurde am 22.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Deindustrialisierung Europas schreitet in strategisch wichtigen Branchen rasant voran – das ist die Kernthese, die Markus Ostermann, CEO des insolventen Batterieherstellers Varta AG, mit Nachdruck vertritt. Während Länder wie die USA, China, Indien, Südkorea und Japan ihre Schlüsselindustrien gezielt fördern und nationale Interessen konsequent durchsetzen, verliert Europa zunehmend den Anschluss. In Deutschland gehen nach aktuellen Schätzungen monatlich rund 10.000 Industriearbeitsplätze verloren – ein Verlust, der sich bereits im Wahlverhalten in Industriestädten wie Rüsselsheim und Mannheim niederschlägt.
Europa als technologischer Zuschauer im globalen Wettbewerb
Während andere Wirtschaftsmächte langfristig strategisch planen, debattiert Europa über Verpackungsverordnungen, Wettbewerbsregeln und Beihilferecht. Ostermann macht deutlich, wie gravierend dieser Unterschied ist: China sicherte sich bereits in den 1990er Jahren die Rohstoffe für die Batteriezellenproduktion, die es dann in den 2010er Jahren industriell aufbaute. Diese Jahrzehnte umspannende Planung steht in krassem Gegensatz zur europäischen Entscheidungskultur.
Gleichzeitig setzt China Lieferkettenabhängigkeiten und Rohstoffverfügbarkeiten als geopolitische Waffe ein. Auch die USA unter einer zunehmend unberechenbaren Präsidentschaft bieten keine verlässliche Partnerschaft. Europa, so die Einschätzung, stehe zwischen zwei Mächten, reagiere aber zu langsam und zu zögerlich.
Varta AG: Hausgemachte Krise als Warnsignal
Der Fall der Varta AG illustriert exemplarisch, wie externe Schwäche und interne Fehler zusammenwirken können. Das Traditionsunternehmen, das Batterien für Haushaltsgeräte, Hörgeräte, Herzschrittmacher, Bluetooth-Headsets und Photovoltaik-Speicher herstellt, war zeitweise im MDAX gelistet und galt als Börsenliebling.
Doch ab 2017 folgten massive Fehlentscheidungen:
- Rund 500 Millionen Euro wurden schuldenfinanziert in Investitionen versenkt
- Ein Automotive-Abenteuer kostete weitere 200 Millionen Euro
- Gleichzeitig wurden 200 Millionen Euro Dividende an Aktionäre ausgeschüttet
- Die Corona-Pandemie verschärfte die ohnehin angespannte Lage zusätzlich
- Hedgefonds übernahmen die Mehrheit durch den Kauf von Schulden zu Bruchteilspreisen
Das Ergebnis: Von ehemals 4.700 Arbeitsplätzen verblieben bis Ende Juli noch rund 3.800. In einem sogenannten „Distressed Asset Disposal” wurden die profitablen Teile – insbesondere das Konsumbatteriegeschäft – abgespalten. Die verbleibenden Unternehmensteile durchlaufen nun ein Insolvenzverfahren.
Überregulierung und Bürokratie als Standortnachteil
Ostermann sieht das Problem jedoch nicht allein bei einzelnen Unternehmen. Auch kleine und mittelständische Betriebe in Deutschland kämpfen mit denselben strukturellen Hürden: zu hohe Energiekosten, eine ausufernde Bürokratie und eine Verwaltungskultur, die Entscheidungen scheut, um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden.
Ein Mittelständler aus Sachsen-Anhalt mit zehn Mitarbeitern verbringt demnach einen ganzen Arbeitstag im Monat damit, Statistiken auszufüllen, die in Ordnern verschwinden. Diese Lähmung durch Überregulierung zieht sich durch alle Unternehmensgrößen und Branchen.
In den Bundesministerien selbst sei der Geist rascher Entscheidungsfindung, der etwa nach der Wiedervereinigung herrschte, kaum noch spürbar. Stattdessen dominiere das Prinzip: lieber nichts tun, als einen Fehler riskieren.
Politischer Handlungsbedarf: Was jetzt nötig wäre
Die Debatte um Europas Wettbewerbsfähigkeit ist keine abstrakte wirtschaftspolitische Diskussion mehr – sie schlägt sich in konkreten Schließungen, Verlagerungen und Wahlentscheidungen nieder. Gefordert wird ein grundlegender Wandel: in der Verwaltungskultur, in der europäischen Industriepolitik und in der strategischen Ausrichtung gegenüber globalen Konkurrenten.
Ob Europa die Deindustrialisierung noch aufhalten kann, hängt davon ab, ob politische Entscheidungsträger und Verwaltungen bereit sind, Bürokratie abzubauen, Schlüsselindustrien aktiv zu fördern und langfristiger zu denken. Die Zeit für halbherzige Maßnahmen läuft ab – das zeigen die monatlichen Jobverluste und die Insolvenzmeldungen, die sich wie ein Ticker durch die deutschen Wirtschaftsnachrichten ziehen.
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