Dieses Video wurde am 20.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Eine neue Idee aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bringt die Steuerdebatte in Deutschland wieder in Fahrt: Moritz Schularik, Präsident des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts, schlägt vor, die Mehrwertsteuer von derzeit 19 auf 22 Prozent anzuheben – und im Gegenzug Einkommensteuer und Sozialabgaben spürbar zu senken. Das Ziel: mehr Netto vom Brutto für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Doch der Vorschlag ist umstritten und wirft grundlegende Fragen über Steuergerechtigkeit und Umverteilung auf.
Was steckt hinter dem Schularik-Vorschlag?
Das Grundprinzip des Modells ist ein Tausch: Wer arbeitet, soll netto mehr von seinem Lohn behalten, weil die Lohnnebenkosten und Einkommensteuern sinken. Finanziert werden soll das über eine höhere Mehrwertsteuer – also eine Abgabe, die beim Kauf von Waren und Dienstleistungen anfällt. Der Staat nimmt dann weniger an der Quelle des Einkommens, aber mehr am Konsum.
Befürworter sehen darin eine Entlastung besonders für Angestellte mit mittleren Einkommen, die bislang stark durch Sozialversicherungsbeiträge belastet sind. Der Vorschlag könnte auch Anreize für mehr Beschäftigung schaffen, da Arbeit schlicht günstiger wird.
Kritiker hingegen weisen auf einen entscheidenden Konstruktionsfehler hin: Die Mehrwertsteuer trifft alle gleich – egal ob arm oder reich.
Das Problem mit der Verteilungsgerechtigkeit
Genau hier liegt der Kern der Kritik: Die Einkommensteuer in Deutschland ist progressiv gestaltet – wer mehr verdient, zahlt einen höheren Steuersatz. Die Mehrwertsteuer dagegen ist eine Flat Tax auf den Konsum: 22 Prozent zahlt der Geringverdiener genauso wie der Gutverdiener.
Das hat für Menschen mit kleinen Einkommen besonders spürbare Konsequenzen:
- Geringverdiener geben einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens für Konsum aus.
- Wohlhabende können einen größeren Teil ihres Einkommens sparen – auf den keine Mehrwertsteuer anfällt.
- Eine Senkung der Einkommensteuer nutzt vor allem denen, die überhaupt nennenswert Einkommensteuer zahlen.
- Ärmere Haushalte, die kaum Einkommensteuer zahlen, profitieren kaum von der Entlastung, tragen aber die höhere Konsumsteuer vollständig.
Stimmen aus der Bevölkerung bringen es auf den Punkt: Das gleichzusetzen sei ein „sehr, sehr unsolidarisches Prinzip”.
Alternative Forderungen: Reichen- und Erbschaftssteuer
Als Gegenentwurf wird in der Debatte häufig eine stärkere Besteuerung von Vermögen, Erbschaften und Luxusgütern ins Spiel gebracht. Das Argument: Wer viel hat, solle mehr beitragen – nicht die Breite der Bevölkerung über höhere Preise im Supermarkt.
Befürworter dieser Linie betonen, dass eine funktionierende Wirtschaft darauf angewiesen sei, dass auch die Mittel- und Unterschicht genug Kaufkraft besitzt. Wird diese durch steigende Konsumpreise weiter geschwächt, droht eine sinkende Binnennachfrage – mit negativen Folgen für Handel und Konjunktur.
Gleichzeitig gibt es auch schlichte Ablehnung jedes Steuererhöhungsvorschlags: Angesichts der ohnehin hohen Lebenshaltungskosten plädieren viele Bürgerinnen und Bürger pauschal für niedrigere Steuern auf breiter Front.
Mehrwertsteuer – ein Instrument mit Geschichte
Die Mehrwertsteuer war in Deutschland zuletzt während der Corona-Pandemie ein viel diskutiertes Instrument. Damals wurde sie vorübergehend gesenkt, um Konsum und Gastronomie zu stützen. Auch über eine dauerhafte Absenkung für bestimmte Branchen oder Produkte – etwa Lebensmittel – wird immer wieder diskutiert.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Vorschlag einer Erhöhung auf 22 Prozent umso provokanter. Wirtschaftspolitisch gibt es durchaus Länder, die ähnliche Modelle umgesetzt haben – in Skandinavien sind Mehrwertsteuersätze von 25 Prozent keine Seltenheit, kombiniert jedoch mit deutlich anderen Sozialleistungssystemen.
Ob das Kieler Modell politisch realisierbar ist, bleibt offen. Die Debatte zeigt aber einmal mehr: Eine Steuerreform, die wirklich entlastet, ohne andere zu belasten, ist kein einfaches Rechenexempel – sondern eine zutiefst politische Frage über Verteilung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
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