Meinungsfreiheit: Ist der Umgang mit der AfD demokratisch?
Ist der Ausschluss der AfD von Koalitionsgesprächen undemokratisch? Journalisten und Unternehmer diskutieren den Umgang mit der stärksten Partei Ostdeutschlands.
Dieses Video wurde am 22.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Umgang mit der AfD bleibt eines der umstrittensten Themen der deutschen Innenpolitik. Nach Wahlerfolgen in Ostdeutschland – zuletzt in Mecklenburg, wo die AfD stärkste Kraft wurde – entbrannte erneut eine Debatte darüber, ob der systematische Ausschluss der Partei von Sondierungen und Koalitionsgesprächen demokratischen Grundsätzen standhält. Journalisten, Politiker und Unternehmer streiten über die Frage, wo legitime politische Abgrenzung endet und wo Arroganz gegenüber dem Wählerwillen beginnt.
„Demokratische Parteien” – eine inhaltlich verengte Formel?
Nach jedem Wahlsonntag ist die Rede von den demokratischen Parteien, die miteinander sondieren müssten – gemeint sind stets alle außer der AfD. NZZ-Chefredakteur Marc Felix Serrao kritisiert diese Formulierung als sachlich falsch, anmaßend und respektlos gegenüber den Wählerinnen und Wählern.
Sein Argument: Demokratie bedeute schlicht, dass das Volk herrscht – nicht, dass eine Partei inhaltlich links-liberal ausgerichtet sein muss, um als demokratisch zu gelten. Demokratie ist kein Inhaltsmerkmal, sondern ein Verfahrensprinzip. Eine Partei, die zu Wahlen zugelassen ist und keine Abschaffung des Parlamentarismus fordert, als antidemokratisch zu bezeichnen, verengt den Begriff auf das, was etablierte Parteien für politisch korrekt halten.
Hinzu kommt der Respekt gegenüber den Wählerinnen und Wählern: Knapp 30 Prozent der Bundesbürger geben der AfD ihre Stimme, in Ostdeutschland ist die Partei stellenweise kurz vor der absoluten Mehrheit. Diesen Menschen zu signalisieren, ihre Stimme zähle nicht, sei, so Serrao, „dumm, arrogant und im Kern selbst antidemokratisch”.
Die Brandmauer ist gescheitert – was nun?
Einigkeit besteht unter den Diskutanten in einem zentralen Befund: Die Brandmauer-Strategie der etablierten Parteien hat nicht funktioniert. Anders als frühere Protestparteien – etwa die Piratenpartei, die nach kurzer Zeit wieder von der politischen Bühne verschwand – ist die AfD eine dauerhafte Kraft geworden.
Unternehmer Michael Ostermann bringt eine strukturelle Erklärung: Die einstigen Volksparteien CDU und SPD, die gemeinsam 70 bis 80 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigten, haben massiv an Bindungskraft verloren. Die AfD-Wähler seien keine Neuzugänge, sondern ehemalige Stammwähler anderer Parteien. Statt zu fragen, wie man diese Menschen wieder gewinnen könne, diskutiere die Politik vorrangig, wie man sie weiter ausgrenzen könne – ein strategischer Fehler.
- Die AfD liegt bundesweit bei rund 30 Prozent in den Umfragen.
- In mehreren ostdeutschen Bezirken erzielt sie über 45 bis 65 Prozent.
- Der CDU-Parteitagsbeschluss von 2018 schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD aus – nicht aber mit der Linkspartei.
- Im Alltag zeigen sich Risse: CDU-Abgeordnete gratulieren AfD-Kollegen per WhatsApp, meiden aber öffentlichen Kontakt.
Rechtsextreme Einzelfälle und fehlende Distanzierung
Die Kritik an der AfD beschränkt sich in der Diskussion nicht auf das Label „antidemokratisch”. Ein konkreter Vorwurf: Die Partei dulde in ihren Reihen Personen, die in anderen Fraktionen sofort ausgeschlossen würden. Als Beispiel wird eine AfD-Stadträtin genannt, die sich in Untersuchungshaft befindet, weil sie zum Putsch im Bundestag aufgerufen haben soll – und dennoch bis kurz vor ihrer Verhaftung als Bundestagskandidatin geführt wurde.
Das eigentliche Problem sei nicht die Existenz solcher Personen in einer Massenpartei, sondern das Schweigen der Parteiführung. Eine demokratische Partei könne Extremisten in den Reihen haben – sie müsse sich dann aber klar und öffentlich distanzieren. Genau das tue die AfD nicht konsequent, was sie von einer „normalen Partei” unterscheide.
Zugleich räumt Serrao ein, dass der AfD nie auch nur das Angebot gemacht wurde, über mögliche inhaltliche Kompromisse zu sprechen. Kein Anreiz zur Mäßigung – das sei eine politische Entscheidung, die den Hardliner-Kurs in der Partei eher befestige als schwäche.
Minderheitsregierung als Ausweg?
Als konstruktiver Vorschlag steht im Raum, ob eine Minderheitsregierung auf Bundesebene den politischen Stillstand auflösen könnte. Wechselnde Mehrheiten – auch unter gelegentlicher Unterstützung durch AfD-Stimmen bei einzelnen Sachfragen – würden die legislative Paralyse beenden, ohne eine formelle Koalition einzugehen.
Andere europäische Länder haben mit diesem Modell gute Erfahrungen gemacht. Es würde die etablierten Parteien zwingen, Gesetzgebung inhaltlich zu begründen und Mehrheiten themenspezifisch zu organisieren – anstatt sich in einer großen Koalition gegenseitig zu lähmen.
Die Debatte über den richtigen Umgang mit der AfD ist damit weit mehr als eine Frage des politischen Stils. Sie berührt Grundfragen der repräsentativen Demokratie: Wessen Stimme zählt, wer als legitimer Akteur anerkannt wird – und welche Strategie langfristig dazu beiträgt, demokratische Institutionen zu stärken statt zu schwächen.
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