Dieses Video wurde am 20.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Moderna Krebsimpfstoff gegen Hautkrebs hat an der Börse für Aufsehen gesorgt: Nachdem das US-Biotechunternehmen positive Ergebnisse einer großen zulassungsrelevanten Studie präsentiert hatte, schoss die Aktie zeitweise um 177 Prozent in die Höhe. Gemeinsam mit dem US-Pharmariesen Merck entwickelt, markiert das mRNA-Präparat nach Einschätzung von Experten einen echten wissenschaftlichen Meilenstein – wirft aber auch Fragen zur Bewertung und zu den Grenzen des Mittels auf.
Wissenschaftlicher Durchbruch mit klaren Einschränkungen
Aus medizinischer Sicht gilt der Studienerfolg als bedeutsam. Erstmals konnte gezeigt werden, dass ein Impfstoff auf Basis der mRNA-Technologie Tumore aufhalten beziehungsweise das Wiederauftreten von Hautkrebs signifikant verzögern kann. Daran wurde rund 20 Jahre lang geforscht.
Allerdings sind drei wesentliche Einschränkungen zu beachten:
- Der Impfstoff wirkt bislang nur bei Hautkrebs (Melanom) – ob er auch bei anderen Krebsarten greift, ist noch nicht belegt.
- Er wird ausschließlich adjuvant eingesetzt: nach vollständiger Tumorentfernung und ohne sichtbare Metastasen, um Rückfälle zu verhindern.
- Es handelt sich um einen individualisierten Impfstoff, der für jeden Patienten eigens hergestellt werden muss – das erhöht Komplexität und voraussichtlich auch den Preis erheblich.
Wichtig ist zudem die Abgrenzung zur klassischen Schutzimpfung: Das Präparat ist keine prophylaktische Maßnahme für gesunde Menschen, sondern eine therapeutische Option für Patienten, bei denen ein Melanom bereits entfernt wurde.
Börsenreaktion: Euphorie trifft auf ambitionierte Bewertung
Das Kursplus von bis zu 177 Prozent bei Moderna steht in auffälligem Kontrast zum deutlich moderateren Anstieg bei Merck von rund 13 Prozent. Der Grund: Moderna war zu Beginn erheblich geringer kapitalisiert als der Pharmariese Merck. Zusammen gewannen beide Unternehmen rund 80 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung hinzu.
Rechnet man diese Summe auf künftige Umsätze herunter, sind damit etwa 15 Milliarden Dollar an Erlösen eingepreist. Das gilt als sehr ambitioniert: Der relevante Hautkrebsmarkt wird auf lediglich ein bis zwei Milliarden Dollar geschätzt – und diesen muss sich Moderna noch mit Merck teilen.
Der Preis für die Therapie ist noch nicht endgültig festgelegt. Als Vergleichswert dient das Medikament Keytruda (Pembrolizumab) mit rund 200.000 Dollar pro Jahr; Analysten rechnen für den neuen Impfstoff mit 250.000 bis 300.000 Dollar jährlich.
Modernas Pipeline und der Wettbewerb mit BioNTech
Der mRNA-Impfstoff gegen Hautkrebs ist neben dem Corona-Vakzin derzeit das wichtigste Produkt im Portfolio von Moderna. Das Unternehmen testet das Präparat auch bei Lungen-, Nieren- und Blasenkrebs – Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet. Der Studienerfolg beim Melanom nährt die Hoffnung, dass sich die Wirksamkeit auf weitere Indikationen übertragen lässt.
Im Rennen um die mRNA-basierte Krebstherapie liegt Moderna derzeit klar vor dem Mainzer Konkurrenten BioNTech. Allerdings verfolgen beide unterschiedliche Ansätze: BioNTech erprobt seinen Impfstoff gegen Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs – beides deutlich schwierigere Indikationen mit höherem Misserfolgsrisiko. Für BioNTech könnte unterdessen ein anderes Projekt entscheidender sein: der Antikörper BNT323 (Pumitamab) gegen Lungenkrebs, dem Experten großes Potenzial beimessen.
Moderna prüft zudem den Erwerb von BioNTech-Produktionskapazitäten, um bei einer breiten Zulassung des Krebsimpfstoffs die nötige Herstellungskapazität sicherzustellen.
Ausblick: Zulassung wahrscheinlich, Marktpotenzial noch offen
Eine FDA-Zulassung des Hautkrebs-Impfstoffs wird von Fachleuten als sehr wahrscheinlich eingestuft – möglicherweise schon im kommenden Jahr. Die entscheidende Frage für Anleger und Patienten gleichermaßen ist, ob sich der Wirkungsnachweis auch auf andere Krebsarten ausdehnen lässt. Gelingt das, könnte Moderna sein Umsatzpotenzial deutlich ausbauen. Bleibt der Erfolg auf Hautkrebs beschränkt, dürfte die aktuelle Börsenbewertung schwer zu rechtfertigen sein. Die Studienergebnisse der kommenden Monate werden zeigen, ob der aktuelle Kurssprung einer nachhaltigen Neubewertung des Unternehmens entspricht oder einer überschwänglichen ersten Reaktion des Marktes.
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