Union vor Zerreißprobe nach Wahlen in MV und Berlin
Nach den Landtagswahlen in MV und Berlin analysiert Politologe Kronenberg: Die Union steht vor einer Zerreißprobe – besonders in der Frage der Brandmauer gegen die AfD.
Dieses Video wurde am 20.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben die deutschen Volksparteien in eine schwierige Lage manövriert. Politologe Volker Kronenberg von der Universität Bonn sieht die Union vor einer echten Zerreißprobe: Die bisherige Strategie der totalen Abgrenzung gegenüber der AfD sei gescheitert, während gleichzeitig eine Annäherung die Partei intern spalten könnte. Die Parteienlandschaft insgesamt befindet sich, so Kronenberg, in einem tiefgreifenden Umbruch.
Merz bleibt – Kalkül statt Überzeugung?
In der CDU-Führung hat sich nach den Wahlergebnissen zunächst Kontinuität durchgesetzt. Friedrich Merz setzt ein Ausrufezeichen hinter seinen Verbleib und will den eingeschlagenen Reformkurs fortsetzen. Das versammelte Präsidium und acht Ministerpräsidenten hatten zuvor mit einem Solidaritätsschreiben Rückendeckung signalisiert.
Kronenberg ordnet diesen Schulterschluss nüchtern ein: Es sei das Ergebnis eines vielschichtigen Kalküls. Hendrik Wüst, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident mit eigenen Ambitionen, stehe kurz vor einer Landtagswahl und brauche Zeit. Ein anderer möglicher Aspirant aus München wiederum verfüge nicht über den nötigen Rückhalt in der CDU-Basis. Die Solidarität sei deshalb ausdrücklich eine „bis auf weiteres”.
Dennoch hält Kronenberg das Festhalten am Reformkurs aus Sicht der Union für konsequent: Der Kurs sei schließlich Wahlversprechen und Bestandteil des Koalitionsvertrags mit der SPD gewesen.
SPD ohne Erfolg – und ohne klaren Kurs
Für die SPD fällt die Bilanz des Wahltages deutlich negativer aus. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Wahlkampfstrategie von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig nicht aufgegangen: Weder konnte sie die AfD überholen, noch ergibt sich eine gesicherte Regierungsperspektive. Über den Zustand der Berliner SPD, einst stolze Hauptstadtpartei, verliert Kronenberg kaum mehr als ein Wort.
Dass SPD-Generalsekretär Klüssendorf die Wahlergebnisse als Auftrag interpretiert, Koalitionspakete neu aufzuschnüren, hält der Politologe für den „Holzweg”. Er verweist auf die strukturellen Realitäten:
- Die sozialen Sicherungssysteme stehen unter massivem Reformdruck.
- Parteivorsitzender Lars Klingbeil hatte selbst noch vor Monaten mit einer programmatischen Agenda-Rede für Reformen geworben.
- Die SPD hat die entsprechenden Vorhaben freiwillig in den Koalitionsvertrag aufgenommen.
- In Nordrhein-Westfalen – einst SPD-Stammland – droht der Partei Ende April eine weitere schwierige Wahl.
Ein erneutes grundsätzliches Infrage stellen der Reformagenda würde nach Kronenbergs Einschätzung die Koalition beschädigen und der SPD langfristig schaden.
Die Brandmauer-Debatte kehrt zurück
Ein zentrales Thema des Wahlabends ist die Frage nach der sogenannten Brandmauer gegenüber der AfD. In Mecklenburg-Vorpommern, wo der AfD-Landesverband nicht als gesichert rechtsextremistisch gilt, wird erneut diskutiert, ob zumindest Gespräche möglich sein müssten.
Kronenberg ist in dieser Frage klar: Die bisherige Strategie der vollständigen Kontaktverweigerung habe versagt. Die Wählerinnen und Wähler sendeten Signale, die Parteien der Mitte auf Dauer nicht ignorieren könnten. Sprechen sei jedoch nicht gleichbedeutend mit Koalieren – insbesondere nicht mit Landesverbänden, die als gesichert rechtsextrem eingestuft sind.
Gleichzeitig warnt er: Sollte die Union die Brandmauer nun nach links verlagern, werde das die Partei vor eine Zerreißprobe stellen. Die kommenden Monate würden für alle Parteien der Mitte – allen voran die CDU – „sehr schwierig” werden.
Volksparteien im bedenklichen Zustand
Übergeordnet beschreibt Kronenberg eine deutsche Parteienlandschaft im fundamentalen Wandel. Positiv zu vermerken sei der deutliche Anstieg der Wahlbeteiligung, der zeige, dass ehemalige Nichtwählerinnen und Nichtwähler wieder mobilisiert werden – wenn auch überwiegend von Parteien außerhalb der Mitte.
Die einstmals staatstragenden Volksparteien befinden sich nach seiner Analyse in einem „sehr bedenklichen Zustand”. Parteien wie AfD und BSW gewinnen an Gewicht, sind aber aus klassischer Perspektive nicht koalitionsfähig. Zudem stellten Kräfte, die Westbindung, Verteidigungsbündnis und Europäische Union grundsätzlich in Frage stellen, eine ernste demokratische Herausforderung dar.
Der Auftrag für die etablierten Parteien laute deshalb, überzeugende und konkrete Antworten auf die Sorgen der Bevölkerung zu entwickeln – anstatt auf Abgrenzungsstrategien zu setzen, die ihre Wirkung erkennbar verloren haben. Der Prozess des politischen Sortierens habe gerade erst begonnen.
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