Dieses Video wurde am 14.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die US-Konsumstimmung hat im Juli überraschend nachgelassen: Die amerikanischen Einzelhandelsumsätze sanken um 0,6 Prozent, obwohl Analysten ein leichtes Wachstum von 0,1 Prozent erwartet hatten. Auch exklusive Automobil-Käufe fiel das Ergebnis mit minus 0,3 Prozent schwächer aus als die prognostizierten plus 0,2 Prozent. Damit rückt die Frage nach der Verfassung des amerikanischen Verbrauchers in den Mittelpunkt – und verleiht den anstehenden Quartalszahlen der großen US-Handelsketten besonderes Gewicht.
Einzelhandelsumsätze schwächer als erwartet
Zwei Faktoren haben das Juli-Bild zusätzlich verzerrt. Zum einen gingen die Umsätze an Tankstellen zurück – allerdings nicht wegen geringerer Nachfrage, sondern wegen gesunkener Benzinpreise. Da die Kraftstoffpreise im August wieder anzogen, dürfte dieser Effekt temporärer Natur sein.
Zum anderen verschob Amazon den Prime Day im Vergleich zum Vorjahr, was die Kaufaktivitäten im Monatsvergleich verzerrte. Dennoch: Bereinigt man beide Sondereffekte, bleibt ein schwaches Bild, das Analysten und Notenbanker gleichermaßen beschäftigt.
Als direkte Folge dürfte der GDP Now-Indikator der Atlanta Fed – ein Echtzeit-Schätzwert für das Bruttoinlandsprodukt – nach unten revidiert werden.
Zinsentscheidung der Fed rückt in neues Licht
Die schwachen Konsumzahlen haben die Erwartungen an eine Zinsanhebung der US-Notenbank im September deutlich gedämpft. Noch vor zwei Wochen lag die Marktwahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt bei rund 70 Prozent. Nach den Erzeugerpreisdaten sank dieser Wert auf 33 Prozent – und nach den aktuellen Einzelhandelsdaten liegt er nur noch bei rund 28 Prozent.
Damit gewinnen die kommenden Wochen an geldpolitischer Relevanz. Am 26. August wird der PCE-Deflator – das bevorzugte Inflationsmaß der Fed – für Juli veröffentlicht. Wenige Tage später, am 28. August, findet das Jackson-Hole-Symposium in Wyoming statt, bei dem Fed-Chef Kevin Waller erwartet wird. Märkte werden seine Aussagen zur künftigen Zinspolitik genau verfolgen.
Im Gegensatz dazu steigt in Japan die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Zinserhöhung. Die Bank of Japan dürfte laut Reuters im September handeln, um die erhöhte Inflation einzudämmen und den Yen zu stabilisieren.
Quartalszahlen der Handelsketten werden zum Stimmungstest
Die anstehenden Ergebnisse der großen US-Einzelhändler nächste Woche gelten nun als entscheidender Indikator für die tatsächliche Lage der amerikanischen Haushalte:
- Home Depot meldet am Dienstagmorgen vor Börseneröffnung
- TJX und Lowe’s berichten am Mittwoch vor dem Opening
- Walmart präsentiert seine Zahlen am Donnerstag vor Handelsstart
Diese Ergebnisse erhalten zusätzliches Gewicht durch eine Reihe bereits enttäuschender Unternehmensmeldungen: Der Luxuskonzern Tapestry (Muttergesellschaft von Coach und Kate Spade) verlor nach seinen Zahlen rund 16 Prozent an der Börse. Der Sportartikelhersteller On Holding verfehlte Umsatzerwartungen und lieferte trübe Aussichten. Die Restaurantkette Papa John’s enttäuschte ebenfalls.
Tech-Sektor mit starken Zahlen, aber schwachen Kursen
Parallel zum Konsumthema zieht sich durch die Berichtssaison ein bemerkenswertes Muster im Technologiesektor: Unternehmen übertreffen die Erwartungen deutlich – und werden dennoch abgestraft. Cisco, Charnet und Cerebras lieferten starke Quartalsergebnisse mit teils kräftig angehobenen Ausblicken, verloren an der Börse aber trotzdem an Wert.
Ähnliches gilt für den Chip-Ausrüster Applied Materials. Das Unternehmen meldete einen Ertragssprung von über 40 Prozent auf 3,50 Dollar je Aktie, der Umsatz kletterte um 25 Prozent auf 9,12 Milliarden Dollar. Der Ausblick für das laufende Quartal übertraf Analystenschätzungen deutlich: ein Ertrag je Aktie von 4,20 Dollar bei einem erwarteten Umsatz von 10,3 Milliarden Dollar. Dennoch notierte die Aktie leicht im Minus. JP Morgan und UBS halten beide an ihren Kaufempfehlungen fest.
Auch Workday steht im Fokus: Laut Reuters verhandelt der Private-Equity-Riese Silver Lake über eine mögliche Übernahme. Analysten sehen faire Bewertungen zwischen 240 und 250 Dollar je Aktie – zweifeln aber an der Realisierbarkeit der Finanzierung.
Die kommende Handelswoche verspricht damit Klarheit auf mehreren Fronten: Die Ergebnisse von Walmart und Co. werden zeigen, ob der US-Konsument tatsächlich an Schwung verliert – oder ob die Juli-Daten lediglich ein Ausreißer waren.
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