US-Truppenabzug aus dem Irak: Jubel und Sorgen
Nach über 20 Jahren verlassen US-Truppen den Irak. Der US-Truppenabzug aus dem Irak löst Jubel aus – doch Kurden und Sunniten fürchten ein gefährliches Machtvakuum.
Dieses Video wurde am 01.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten haben die Vereinigten Staaten ihre Truppen aus dem Irak abgezogen. Der US-Truppenabzug aus dem Irak löste am Mittwochabend in Bagdad und Basra spontane Feierlichkeiten aus. Tausende Menschen strömten auf die Straßen, um einen Moment zu begehen, den viele Iraker seit Jahren herbeigesehnt hatten. Gleichzeitig wächst in Teilen des Landes die Angst vor politischer Instabilität und einem neu erstarkenden Extremismus.
Jubel in Bagdad und Basra
In mehreren irakischen Städten feierten die Menschen den historischen Moment mit Freudenschüssen, Gesängen und Umarmungen. Besonders in Bagdad und Basra versammelten sich große Menschenmassen, um den Abzug der US-Streitkräfte zu begehen.
Feiernde würdigten dabei nicht nur die regulären Streitkräfte, sondern auch verschiedene Widerstandsgruppen, die nach ihrer Überzeugung durch bewaffneten Kampf zur Beendigung der US-Präsenz beigetragen haben. Viele Redner betonten den Wunsch nach einem „starken und geeinten Staat”, der nun ohne ausländische Militärpräsenz seinen eigenen Weg gehen könne.
Die Stimmung war geprägt von nationalem Stolz und der Hoffnung auf eine neue Ära irakischer Souveränität — aber auch von Unsicherheit über das, was als nächstes kommt.
Sorge vor dem Machtvakuum
Nicht alle Iraker teilen die Euphorie. Gerade unter Sunniten und Kurden ist die Sorge groß, dass der Abzug ein gefährliches Machtvakuum hinterlässt. Kritiker befürchten, dass die von den USA ausgebildeten und finanzierten irakischen Sicherheitskräfte das Land noch nicht ausreichend schützen können.
Im Zentrum der Bedenken steht die wachsende Macht der Schiitenmilizen, die nun — ohne das Gegengewicht der US-Streitkräfte — ihren Einfluss im Land weiter ausbauen könnten. Für sunnitische Gemeinschaften, die in früheren Jahren bereits unter dem Druck verschiedener bewaffneter Gruppen gelitten haben, ist diese Perspektive besonders beunruhigend.
- Sunniten fürchten eine politische Marginalisierung durch schiitisch dominierte Milizen
- Kurden im Norden sorgen sich um ihre halbautonome Region und deren Sicherheit
- Sicherheitsexperten warnen vor einem Wiedererstarken des Islamischen Staates (IS)
- Die irakischen Streitkräfte gelten trotz jahrelanger US-Ausbildung als noch nicht vollständig gefestigt
IS-Gefahr im kurdischen Norden
Besonders im halbautonomen kurdischen Nordirak werden die Warnungen vor einem Wiederaufleben des IS laut. Die Region war in der Vergangenheit Schauplatz brutaler Terrorherrschaft, bevor internationale Koalitionstruppen die Terrororganisation weitgehend zurückdrängen konnten.
Mit dem Wegfall der US-Militärpräsenz entfällt auch ein wichtiges operatives und nachrichtendienstliches Rückgrat für die Bekämpfung des sunnitischen Extremismus. Kurdische Sicherheitskräfte, die sogenannten Peschmerga, stehen nun vor der Aufgabe, mögliche IS-Wiedererstarkungs-Tendenzen eigenständig einzudämmen — ohne die bislang gewohnte amerikanische Unterstützung.
Die Frage, ob die lokalen Kräfte dieser Herausforderung gewachsen sind, wird in den kommenden Monaten zur entscheidenden Probe für die Stabilität des Irak.
Abzug unter Trump — vereinbart unter Biden
Die Grundlage für den Truppenabzug wurde bereits 2024 unter US-Präsident Joe Biden durch ein bilaterales Abkommen mit der irakischen Regierung geschaffen. Die Umsetzung obliegt nun der Regierung seines Nachfolgers Donald Trump, der das Abkommen trotz außenpolitischer Spannungen einhält.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Trump führt parallel einen eskalierenden Konflikt mit dem benachbarten Iran, der traditionell engen Einfluss auf schiitische Milizen im Irak hat. Beobachter fragen sich, ob der Abzug die iranische Einflussnahme im Irak mittelfristig stärken wird — und welche Folgen das für die gesamte Nahost-Region haben könnte.
Der Abzug der US-Truppen markiert das Ende einer militärischen Präsenz, die mit dem Einmarsch 2003 begann und die Region grundlegend verändert hat. Ob der Irak nun zu Stabilität und nationaler Einheit findet, wird von der Fähigkeit seiner politischen und militärischen Institutionen abhängen — und davon, ob alte Konfliktlinien überwunden werden können.
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