US-Zwischenwahlen: Droht Trump die „lahme Ente”?
Einen Tag vor den US-Zwischenwahlen analysiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer, was ein demokratischer Sieg für Trump, den Ölpreis und die Börsen bedeutet.
Dieses Video wurde am 02.11.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Einen Tag vor den US-Zwischenwahlen richten sich alle Augen auf Washington: Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet, dass die Demokraten bei den Midterms am 3. November beide Kammern des Kongresses zurückgewinnen könnten. Das hätte weitreichende Folgen für Präsident Donald Trumps innenpolitischen Handlungsspielraum – und würde ihn nach Einschätzung des Ökonomen zu einer „lahmen Ente” im Inland machen. Gleichzeitig gibt der Ölpreis deutlich nach, was dem DAX spürbaren Rückenwind verleiht.
Demokraten als Favoriten in Repräsentantenhaus und Senat
Bei den sogenannten Midterms werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus sowie 35 der 100 Senatssitze neu vergeben. Die Demokraten streben die Mehrheit in mindestens einer der beiden Kammern an, um Trumps Gesetzgebungsagenda zu blockieren. Krämer geht laut aktuellen Umfragen davon aus, dass sie sogar beide Häuser des Kongresses gewinnen könnten.
Bis zum Vorabend der Wahl hatten bereits 47,9 Millionen Amerikaner vorzeitig ihre Stimme abgegeben – ein historischer Rekord. Gestiegene Lebenshaltungskosten und der andauernde Krieg gegen den Iran belasten die Republikaner im Wahlkampf erheblich.
Trump als „lahme Ente”: Mehr Spielraum in der Außenpolitik
Sollten die Demokraten tatsächlich beide Kammern übernehmen, wäre Trumps innenpolitischer Gestaltungsspielraum stark eingeschränkt. Krämer betont jedoch, dass Trump seinen zentralen innenpolitischen Erfolgen – darunter das sogenannte „Big Beautiful Bill” mit dauerhaften Einkommensteuersenkungen – bereits umgesetzt hat.
Die entscheidende Konsequenz eines demokratischen Kongresssiegs wäre nach Krämer eine Verlagerung von Trumps Aktivitäten in die Außenpolitik, wo der Präsident traditionell mehr Handlungsfreiheit besitzt. Mögliche Szenarien:
- Neue militärische Angriffe auf den Iran nach Ende der Wahlen
- Wiederaufnahme von Handelskriegen mit höheren Zöllen, auch gegen die EU
- Verstärkte außenpolitische Initiativen als Ersatz für blockierte Innenpolitik
Berichte, wonach der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu in einem Telefonat mit Trump auf neue Angriffe gegen den Iran nach den Wahlen gedrängt haben soll, Trump aber diplomatische Lösungen bevorzuge, sorgen für zusätzliche Unsicherheit.
Ölpreis gibt nach – Hoffnung auf diplomatische Lösung
Der Ölpreis reagiert auf die Nachrichtenlage mit einem deutlichen Rückgang von rund 4 Prozent. In der Vorwoche war er aus Furcht vor neuen Militärschlägen auf ein Sechs-Monats-Hoch gestiegen. Parallel laufen seit drei Tagen Gespräche zwischen dem Iran und katarischen Vermittlern über eine Beilegung des Konflikts.
Profiteure des fallenden Ölpreises sind vor allem Reise- und Luftfahrtaktien: TUI legte im MDAX um 3,4 Prozent zu, die Deutsche Lufthansa gewann rund 2 Prozent, Flughafenbetreiber Fraport stieg um knapp 2 Prozent. Auch Chipwerte erholten sich: Infineon führte den DAX mit einem Plus von 2,4 Prozent an, Aixtron stieg im MDAX um 4,6 Prozent. Der DAX insgesamt legte moderat um 0,2 Prozent zu, nach einem Wochengewinn von rund 2 Prozent zuvor.
Börsenausblick: Moderate Aufwärtsbewegung, kein Kursfeuerwerk
Krämer rechnet nach den Midterms nicht mit dramatischen Kursbewegungen an den Aktienmärkten. Historisch gesehen war eine gespaltene Regierung – also ein Präsident einer Partei bei gegnerischen Mehrheiten im Kongress – positiv für Aktienmärkte. Ob dieses Muster diesmal gilt, ist jedoch fraglich: Sehr viele positive Erwartungen rund um Künstliche Intelligenz und Unternehmensgewinne seien bereits eingepreist.
Entscheidender als der Wahlausgang selbst dürfte laut Krämer die weitere Entwicklung im Irankonflikt sein. Hinzu kommt: Deutsche Einzelhändler meldeten für September überraschend ein nominales Umsatzminus von 1,5 Prozent, inflationsbereinigt sogar minus 2 Prozent. Auf das Weihnachtsgeschäft blicken die Händler dennoch vorsichtig optimistisch, da die Kaufbereitschaft für größere Anschaffungen leicht gestiegen sei.
Insgesamt erwartet Krämer für die Aktienmärkte eine moderate Aufwärtsbewegung unter großen Schwankungen – aber kein nachhaltiges Kursfeuerwerk allein aufgrund der Midterm-Ergebnisse.
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