Tokenisierung: Wer in der neuen Finanzwelt gewinnt
Banken und Börsen setzen auf Tokenisierung: Wer die Blockchain-Infrastruktur aufbaut, könnte Billionen verwalten. Die wichtigsten Kandidaten und Risiken im Überblick.
Dieses Video wurde am 29.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Blockchain sollte Banken überflüssig machen – jetzt eignen sich Banken die Blockchain an. Tokenisierung ist längst kein Kryptohype mehr, sondern ein struktureller Umbau der Finanzinfrastruktur. Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Bank könnten tokenisierte Kapitalmärkte schon in den 2030er-Jahren zum Kernbestandteil des globalen Finanzsystems werden. Gleichzeitig drängen Kryptounternehmen immer stärker ins klassische Bankgeschäft. Wer in dieser Konvergenz die Nase vorn hat, entscheidet sich an der Frage: Wem gehören die Schienen?
Was Tokenisierung bedeutet – und wie groß der Markt ist
Wer heute eine Aktie kauft, setzt eine komplexe Kette in Gang: Broker, Depotbank, Zentralverwahrer, Clearing – der gesamte Prozess dauert bis zu zwei Tage. Bei einem tokenisierten Wertpapier hingegen wird der Eigentümerwechsel direkt in einem digitalen Register vermerkt – sofort, rund um die Uhr.
Der Markt wächst rasant, ist aber noch klein. Stable Coins – also digitale Dollareinheiten – kommen bereits auf rund 300 Milliarden Dollar. Tokenisierte Anleihen, Fonds und Aktien summierten sich Anfang 2025 auf 10 Milliarden Dollar; inzwischen sind es rund 39 Milliarden – fast eine Vervierfachung in anderthalb Jahren. Die Deutsche Bank hält bis 2035 ein Volumen von 3 bis 4 Billionen Dollar für realistisch. Allein tokenisierte US-Staatsanleihen liegen derzeit bei rund 14,8 Milliarden Dollar – bei einem Gesamtmarkt von 31 Billionen ein Rundungsfehler, der aber schnell größer werden könnte.
Die Favoriten unter den etablierten Finanzakteuren
Unter den etablierten Playern kristallisieren sich mehrere Kandidaten heraus, die von der Tokenisierungswelle besonders profitieren könnten:
- JP Morgan: Die größte US-Bank betreibt mit Kinexis eine eigene Plattform für tokenisierte Zahlungen und Repo-Geschäfte. Wem die Abwicklungsschienen gehören, verdient an jedem Transfer.
- Blackrock: Der weltgrößte Vermögensverwalter führt mit seinem BUIDL-Fonds bereits den Markt für tokenisierte Geldmarktprodukte an – analog zur ETF-Dominanz, die nun auf Token übertragen werden soll.
- ICE und Nasdaq: Die Mutter der New York Stock Exchange baut eine Plattform für 24/7-Handel mit tokenisierten Wertpapieren; Nasdaq investiert seit Jahren in Blockchain-Infrastruktur.
- Deutsche Börse / Clearstream: Die Tochter verwahrt rund 22 Billionen Euro und entwickelt gemeinsam mit DTCC und Euroclear die Standards für die Tokenwelt – der klassische Schaufelverkäufer im Goldrausch.
Für Europa spricht derzeit ein regulatorischer Vorteil: Mit dem DLT-Pilotregime hat die EU einen funktionierenden Rechtsrahmen geschaffen, während der US-amerikanische Clarity Act im Senat vorerst gescheitert ist.
Neue Angreifer: Pure Player und Kryptobörsen auf dem Vormarsch
Neben den Schwergewichten positionieren sich auch spezialisierte Anbieter. Securitize gilt als einziger reiner Tokenisierungsanbieter an der Börse und bringt klassische Anlagen für Kunden wie Blackrock, Apollo oder KKR auf die Blockchain. Rivale Figure tokenisiert Immobilienkredite und Renditefonds.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Kryptounternehmen: Coinbase will tokenisierte Aktien anbieten und verdient bereits kräftig am Stable Coin USDC – Anfang 2025 stammten 15 Prozent des Umsatzes aus diesem Segment. Robinhood bietet Europäern Token auf US-Aktien an, darunter sogar auf noch nicht börsennotierte Unternehmen wie OpenAI. Und Bullish hat mit der Übernahme von Equiniti Zugang zu regulierten Transferagenten und damit zu den Aktienregistern vieler Unternehmen erlangt.
Die Konvergenz ist unübersehbar: Banken werden digitaler, Kryptofirmen werden bankenähnlicher.
Risiken, offene Fragen und der Ausblick
Trotz des Wachstumspotenzials bleiben grundlegende Fragen offen. Ob 24/7-Handel tatsächlich mehr Umsatz generiert oder lediglich denselben Umsatz über die Nacht verteilt, ist noch nicht belegt – bei letzterem würden Börsen vor allem höhere Betriebskosten tragen. Zudem stellt sich die Frage nach der Dezentralisierung: Wenn Banken und Börsen die Token-Infrastruktur kontrollieren, bleibt vom ursprünglichen Versprechen der Blockchain – Geld ohne Mittelsmänner – wenig übrig.
Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Unterscheidung: Risikofreudigere Investoren können die volatileren Pure Player in den Blick nehmen. Konservativere Anleger setzen besser auf Infrastrukturwetten wie Blackrock oder die Deutsche Börse – Unternehmen, die verdienen, egal ob ein Fonds als klassisches ETF oder als Token verpackt ist. Tokenisierung ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern ein laufender Umbau – dessen Gewinner gerade die Fundamente legen.
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