Linke Berlin: Rausch nach Wahlsieg und seine Risiken
Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin warnt Politikwissenschaftler Oliver Lempke vor dem „Kater": Antisemitismus-Vorwürfe und die Rote Hilfe belasten Koalitionsgespräche.
Dieses Video wurde am 03.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Linke Berlin feiert ihren Wahlsieg – doch der politische Alltag holt die Partei rasch ein. Vorwürfe wegen strukturellem Antisemitismus, enger Verbindungen zu kriminellen Clans und nun die Debatte um die linksextreme Rote Hilfe belasten das Bild der Partei erheblich. Politikwissenschaftler Professor Oliver Lempke warnt: Auf den Rausch des Wahlsiegs könnte schon bald ein harter Kater folgen – besonders wenn die Partei die jetzt nötige Transformation von einer Bewegungs- zur Regierungspartei verpasst.
Antisemitismus-Vorwürfe: Linke setzt auf juristische Gegenwehr
Statt sich inhaltlich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, reagiert die Linke auf die Kritik an antisemitischen Tendenzen und angeblicher Nähe zu kriminellen Clans mit mehreren Strafanzeigen – unter anderem gegen Aussagen von Innensenator Armin Schuster und offizielle Ministeriumsaccounts.
Lempke sieht darin eine problematische Strategie: Die Verlagerung auf das juristische Feld lenke vom eigentlichen Sachproblem ab. Gerade jetzt, wo sich strukturelle Defizite innerhalb der Partei offenbarten, wäre Aufklärung das gebotene Mittel – nicht die Selbstviktimisierung. Wer Regierungsverantwortung anstrebe, müsse zeigen, dass er bereit ist, schwierige innerparteiliche Fragen ernsthaft anzugehen.
Rote Hilfe: Pellmanns Eintritt als falsches Signal
Besonders brisant ist die Verbindung führender Linken-Politiker zur Roten Hilfe. Die Organisation, die unter anderem Gelder für die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette gesammelt hat, wird vom Verfassungsschutz als linksextrem eingestuft.
- Spitzenkandidatin Erald war bis zum Vorjahr Mitglied der Roten Hilfe.
- Zwei weitere linke Bundestagsabgeordnete sind bis heute Mitglied der Organisation.
- Bundesfraktionschef Sören Pellmann ist der Roten Hilfe demonstrativ beigetreten – kurz nach der Wahl.
Lempke bewertet diesen Schritt als schwerwiegenden Fehler. Statt sich von der Organisation zu distanzieren oder zumindest eine kritische Prüfung anzukündigen, habe Pellmann das Gegenteil getan. Die Rote Hilfe sei ein Netzwerk, in dem Begegnung mit Linksextremisten und eine Offenheit gegenüber Linksterrorismus strukturell angelegt seien. Die Wortwahl der Organisation – etwa der Begriff „Gesinnungsjustiz” im Fall Klette – mache das deutlich. Das demonstrative Eintreten Pellmanns bezeichnete Lempke als Ausdruck des „Wahlsiegrausches”, der die Partei in eine gefährliche politische Isolation treiben könnte.
Koalitionsverhandlungen: Rote Linien unter Druck
SPD und Grüne stehen vor der Frage, ob und wie sie mit der Wahlsiegerin Linke Gespräche über eine Koalition führen können. Demokratietheoretisch sei es geboten, so Lempke, dass die stärkste Kraft zunächst auslote, welche Partner bereit sind mitzutragen. Doch die sogenannten roten Linien der möglichen Koalitionspartner müssten auch glaubwürdig sein.
Gerade mit Blick auf den Berliner Grünen-Landesverband seien Zweifel angebracht, ob diese Grenzen wirklich gehalten werden. Lempke erwartet, dass die Bundesspitze der Grünen zunehmend Druck machen wird – ein einfaches Hinnehmen aller Linken-Positionen sei kaum vorstellbar. Sonst drohte den Grünen eine ähnliche „Brandmauer-Debatte”, wie sie aus anderen politischen Lagern bekannt ist.
Chance zur Transformation – oder verpasste Gelegenheit
Lempke sieht in der aktuellen Phase durchaus eine historische Chance für die Linke. Die Zeit zwischen Wahlsieg und Regierungsbildung böte die Möglichkeit, sich glaubwürdig von einer Protestpartei zur regierungsfähigen Kraft zu wandeln. Dieser Prozess brauche Zeit – und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.
Doch wenn die Partei diese Gelegenheit nicht nutze, werde sie rasch feststellen: Ein elektoraler Sieg ist noch lange keine Garantie für politischen Gestaltungserfolg. Der Übergang in die Regierungsverantwortung stellt andere Anforderungen – und verlangt die Bereitschaft, unbequeme Debatten intern zu führen, statt sie nach außen zu verlagern. Wie die Partei diese Weichenstellung bewältigt, dürfte die Berliner Landespolitik in den kommenden Wochen maßgeblich prägen.
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