Springer-Hochhaus: 60 Jahre „Stachel im Fleisch”
Das Springer-Hochhaus in Berlin wird 60 Jahre alt. Warum der Bau zum Symbol der Pressefreiheit und zum Feindbild der radikalen Linken wurde – ein Rückblick.
Dieses Video wurde am 06.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Das Springer-Hochhaus in Berlin feiert sein 60-jähriges Bestehen. Am 6. Oktober 1966 wurde der markante goldene Bau des Axel Springer Verlags direkt an der Berliner Mauer eingeweiht – als sichtbares Bekenntnis zu Pressefreiheit, deutscher Einheit und der Verbundenheit mit Westberlin. Was als Verlagsgebäude geplant war, entwickelte sich zu einem der politisch aufgeladensten Bauwerke der deutschen Nachkriegsgeschichte: zunächst Symbol der Freiheit, wenige Jahre später Feindbild der radikalen Studentenbewegung.
Ein Grundstück, das Geschichte schrieb
Die Entstehungsgeschichte des Hochhauses ist eng mit den politischen Zufällen der Teilung Deutschlands verknüpft. Axel Springer hatte das Grundstück ursprünglich im historischen Zeitungsviertel Berlins gesucht. Die Wahl fiel auf ein Areal an der Sektorengrenze – zu einem Zeitpunkt, als diese noch nicht geschlossen war. Die Grundsteinlegung erfolgte 1959, zwei Jahre vor dem Mauerbau.
Als die Berliner Mauer 1961 errichtet wurde, war die Druckerei bereits fertiggestellt. Das im Bau befindliche Hochhaus rückte damit buchstäblich an den Eisernen Vorhang heran. Aus einem zufällig gewählten Standort wurde so ein bewusst wahrgenommenes politisches Statement.
Historiker Sven Felix Kellerhoff, leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte bei Welt, beschreibt den Effekt treffend: Das Gebäude wurde zu einem „Stachel im Fleisch des Sozialismus” auf der anderen Seite der Mauer – eine Bedeutung, die es bis zum Fall der Mauer 1989 behielt.
Eröffnung 1966: Einheit über politische Gräben hinweg
Die Eröffnungsfeier am 6. Oktober 1966 war selbst ein politisches Ereignis. Am Buffet reichten sich zwei Männer die Hand, die im bundesdeutschen Diskurs kaum unterschiedlicher hätten sein können: Rudolf Augstein, Herausgeber des Spiegel, und Franz Josef Strauß, der streitbare CSU-Politiker. Diese Geste symbolisierte, dass das Springer-Hochhaus über Lagerdenken hinaus als gesamtdeutsches Symbol wahrgenommen wurde.
Gleichzeitig bekannte sich Axel Springer bei der Eröffnung öffentlich zu Israel und kündigte großzügige Spenden für Jerusalem an – ein Bekenntnis, das wenige Jahre später fatale Konsequenzen für das Ansehen des Verlegers in bestimmten politischen Kreisen haben sollte.
Vom Symbol zur Zielscheibe: Der Hass der Studentenbewegung
Die Feindschaft der radikalen Linken gegenüber dem Springer-Verlag speiste sich aus mehreren Quellen. Ein entscheidender Katalysator war der Sechstagekrieg 1967. In dessen Folge verbreitete sich in Teilen der radikalen Linken ein unter dem Begriff „Antizionismus” verkleideter Antisemitismus – de facto eine neue Salonfähigkeit von Israel-Hass, erstmals nach 1945.
Da Axel Springer seine Solidarität mit Israel offen und wiederholt demonstriert hatte, übertrug sich diese Feindschaft direkt auf ihn und sein Verlagshaus. Das Hochhaus wurde zur physischen Projektionsfläche des Hasses – und zu einem zentralen Angriffsziel der Studentenbewegung von 1968.
Die wichtigsten Vorwürfe und Konfliktlinien jener Zeit lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Springers öffentliches Bekenntnis zu Israel galt der radikalen Linken als Provokation
- Die konservative Blattlinie der Springer-Presse wurde als „Hetze” gegen die Bewegung gedeutet
- Das Hochhaus an der Mauer wurde als Symbol des westlichen Kapitalismus instrumentalisiert
- Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke 1968 wurde Springer direkt mitverantwortlich gemacht
Was 60 Jahre Springer-Hochhaus lehren
Rückblickend steht das Gebäude für eine politische Haltung, die sich in zentralen Fragen als weitsichtig erwiesen hat. Welt-Kolumnist Henrik Broder formulierte dies in einem fiktiven Brief an Axel Springer einmal so: „Immer wenn ich an deinem Haus vorbeifahre, fällt mir ein, du hast in allem recht gehabt. Nicht in allen Fragen, aber in allen wichtigen Fragen.”
Gemeint sind Springers Positionen für Demokratie, Rechtsstaat, europäische Integration, die transatlantische Zusammenarbeit und die enge Verbindung zu Israel. Dass er in diesen Kernfragen richtiger lag als viele seiner Kritiker – und Letztere sich teils nachträglich korrigieren mussten –, erklärt laut Kellerhoff nicht zuletzt die Intensität der damaligen Anfeindungen.
60 Jahre nach seiner Fertigstellung ist das Springer-Hochhaus längst mehr als ein Verlagsgebäude: Es steht als steinernes Dokument für die Wechselwirkung von Architektur, Pressefreiheit und politischer Auseinandersetzung im geteilten und wiedervereinigten Deutschland.
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