Dieses Video wurde am 19.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Ein Bafög-Antrag mit nur drei Klicks – was nach einer technischen Utopie klingt, hat für Norman Lars sehr konkrete Konturen. Der Leiter des Amts für Ausbildungsförderung beim Studentenwerk Schleswig-Holstein hat ein Modell entwickelt, das den aufwendigen Antragsprozess radikal vereinfachen soll. Angesichts der Tatsache, dass rund die Hälfte aller Anspruchsberechtigten auf Bafög verzichtet, wächst der Druck auf die Politik, das System grundlegend zu modernisieren. Auch Union und SPD haben das Thema inzwischen auf ihrer Agenda.
Das Drei-Klick-Modell: Wie die Bafög-Digitalisierung aussehen könnte
Das von Lars entworfene Konzept ist denkbar einfach: Im ersten Schritt erklärt die antragstellende Person digital ihren Wunsch, Bafög zu erhalten. Der zweite Klick dient der digitalen Identifikation – etwa über die Online-Ausweisfunktion des Personalausweises. Mit dem dritten und letzten Klick erteilt man dem System die Erlaubnis, alle notwendigen Unterlagen eigenständig abzurufen.
Das bedeutet: Steuerbescheide, Einkommensnachweise der Eltern und andere relevante Dokumente würden direkt bei den Finanzbehörden abgefragt – ohne dass Studierende selbst mühsam Belege zusammensuchen müssten. Der gesamte Prozess wäre damit auf wenige Sekunden reduziert.
Bürokratiedschungel schreckt jede zweite anspruchsberechtigte Person ab
Der Handlungsbedarf ist evident. Laut einer aktuellen Studie verzichtet etwa die Hälfte aller Bafög-Berechtigten auf den Antrag – trotz des finanziellen Anspruchs. Als Hauptgrund gilt der bürokratische Aufwand.
Die Zahlen, die Lars nennt, sind ernüchternd:
- Vier von fünf eingereichten Anträgen sind beim Eingang unvollständig.
- Zwei Drittel der gesamten Bearbeitungszeit entfallen allein auf das Nachfordern fehlender Unterlagen.
- Im Extremfall kann die Bearbeitung bis zu einem Jahr dauern.
- Mit dem Drei-Klick-Modell soll die Bearbeitungszeit auf zwei bis vier Wochen sinken.
Besonders für Studierende, die dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, ist eine monatelange Wartezeit ein ernstes Problem. Wer den Antrag aus Frustration gar nicht erst stellt, verzichtet im schlimmsten Fall auf mehrere Tausend Euro pro Jahr.
Deutschland digital uneinheitlich – Fax und Brief noch erlaubt
Ein zentrales Hindernis auf dem Weg zum digitalen Bafög ist die föderale Zersplitterung des deutschen Verwaltungssystems. Jedes Studentenwerk und jedes Amt für Ausbildungsförderung ist unterschiedlich weit digitalisiert – ein einheitlicher Standard fehlt bislang.
Hinzu kommt: Aktuell ist es noch immer legal und gängige Praxis, Bafög-Anträge per Fax, E-Mail oder Briefpost einzureichen. Eine vollständig digitale Infrastruktur, die einen automatisierten Datenabruf bei Behörden erlaubt, ist damit noch nicht flächendeckend vorhanden. Der Drei-Klick-Antrag bleibt vorerst ein visionäres Konzept – technisch denkbar, aber politisch und organisatorisch noch nicht umgesetzt.
Politik nimmt Bafög-Reform in den Blick
Immerhin: Das Thema ist auf der politischen Agenda angekommen. Sowohl Union als auch SPD haben sich im Rahmen ihrer Koalitionsverhandlungen vorgenommen, das Bafög-Verfahren grundlegend zu modernisieren. Konkrete Gesetzentwürfe oder Zeitpläne liegen allerdings noch nicht vor.
Experten wie Norman Lars machen deutlich, dass eine reine Digitaloffensive nicht ausreicht – entscheidend ist die behördenübergreifende Vernetzung der Datensysteme. Erst wenn Ämter automatisiert auf Steuerdaten zugreifen dürfen und können, lässt sich der bürokratische Aufwand tatsächlich auf drei Klicks reduzieren. Ob und wann das gelingt, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie konsequent die neue Bundesregierung das Vorhaben verfolgt.
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