Hendrik Wüst in Ankara: Kanzlerambitionen auf Eis?
Hendrik Wüst wird in Ankara wie ein Staatsgast empfangen – doch offiziell will der NRW-Ministerpräsident zunächst nur die Landtagswahl gewinnen.
Dieses Video wurde am 29.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst ist zu einem hochrangigen Besuch in der türkischen Hauptstadt Ankara. Was als Wirtschafts- und Diplomatiereise des Landesfürsten begann, entwickelt sich zu einem politischen Signal weit über NRW hinaus: Wüst wurde von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan persönlich empfangen – ein in der Bundesrepublik nahezu beispielloser Vorgang für einen deutschen Ministerpräsidenten. Die Frage, ob Wüst damit seinen Weg in Richtung Kanzlerschaft ebnet, beherrscht die politische Debatte.
Ungewöhnlicher Empfang: Wüst trifft Erdoğan in Ankara
Das Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten kam überraschend: Erst am Montagvormittag wurde bekannt, dass Erdoğan den NRW-Ministerpräsidenten zu einem persönlichen Gespräch empfängt. Das Treffen dauerte über 50 Minuten – eine ungewöhnlich lange Audienz für einen deutschen Regionalpolitiker.
NRW ist zwar kein gewöhnliches Bundesland: Es ist das bevölkerungsreichste, ein bedeutender Wirtschaftsstandort und Heimat von rund einer Million Menschen mit türkischen Wurzeln. Dennoch ist ein solch protokollarisch hochrangiger Empfang durch einen Staatspräsidenten für einen Ministerpräsidenten äußerst selten.
Neben dem Treffen mit Erdoğan absolviert Wüst in Ankara weitere Termine auf höchster Regierungsebene:
- Gespräch mit dem türkischen Außenminister
- Treffen mit dem Finanzminister
- Austausch mit dem Industrie- und Technologieminister
Die türkische Regierung rollt dem deutschen Politiker damit den roten Teppich aus – und behandelt ihn protokollarisch fast wie einen Regierungschef.
Kanzlerambitionen: Die offizielle Botschaft aus Ankara
Trotz des eindrucksvollen Auftritts auf internationalem Parkett ist die offizielle Linie von Wüst und seinem Team eindeutig: Der Ministerpräsident bewirbt sich vorerst nicht um das Amt des Bundeskanzlers. Von einem Putsch gegen Amtsinhaber Friedrich Merz oder Aktivitäten hinter den Kulissen sei keine Rede.
Tatsächlich befindet sich Wüst in einem politischen Spagat: Im April des kommenden Jahres steht in Nordrhein-Westfalen eine Landtagswahl an, die für ihn existenziell wichtig ist. Gleichzeitig kursiert sein Name als möglicher Nachfolger von Merz im Kanzleramt – angetrieben durch anhaltende Berichte über eine „Kanzlerdämmerung” in Berlin. Zu früh Ambitionen zu zeigen, könnte den Wahlkampf in NRW belasten; zu früh zu verzichten, würde politisches Kapital verspielen.
Die Botschaft aus Ankara lautet daher: Stabilisierung statt Personaldebatte. Wüst will sich aus parteiinternen Streitereien heraushalten und sich darauf konzentrieren, die Bundesregierung in einer schwierigen Phase zu stabilisieren.
Wüst, Söder und die CDU: Wer übernimmt nach Merz?
In der Unionsfraktion zerbrechen sich viele Abgeordnete den Kopf über die mittelfristige Zukunft der CDU. In vertraulichen Kreisen gilt es als nahezu ausgeschlossen, dass Friedrich Merz bei der nächsten Bundestagswahl erneut als Kanzlerkandidat der Union antritt. Damit rückt ein Ablösungsprozess nach der NRW-Wahl im April ins Blickfeld.
Zwischen Wüst und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder schwelt seit Längerem eine Rivalität um die Kanzlerkandidatur. Doch auch Söder soll kein Interesse daran haben, die Koalition vorzeitig zum Platzen zu bringen – dafür wäre Einigkeit zwischen CDU und CSU nötig, und am Ende müsste auch die SPD mitgezogen werden.
Hinzu kommen wichtige Reformvorhaben, die auf dem Spiel stehen – darunter Reformen in den Bereichen Pflege, Gesundheit und Steuern. In dieser Phase eine grundlegende Personaldebatte anzustoßen, gilt parteiintern als kontraproduktiv.
Mögliche Szenarien: Ruhe bis April oder vorzeitige Zuspitzung?
Das wahrscheinlichste Szenario in der Union lautet: vereinbarte Ruhe mindestens bis zur NRW-Landtagswahl im April. Läuft die Wahl für Wüst gut, eröffnen sich neue Optionen – dann, so heißt es, „sehen alle weiter”.
Ein Worst-Case-Szenario wäre eine Verschärfung der innenpolitischen Lage: sinkende Wirtschaftszahlen, zerstrittene Koalitionspartner, ein gescheitertes Reformpaket. In diesem Fall könnte die Debatte um einen Kanzlertausch früher an Fahrt gewinnen, als es den meisten Beteiligten lieb ist.
Ankara sendet jedenfalls ein klares Signal: Hendrik Wüst ist auf der bundespolitischen Bühne präsent – ob als künftiger Kanzlerkandidat oder als starker Landesvater, das wird die NRW-Wahl im Frühjahr maßgeblich entscheiden.
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