Steuern und Sozialstaat: Kaeser vs. Wissler
Joe Kaeser und Janine Wissler streiten über Steuergerechtigkeit, Vermögenssteuer, Wohnungsnot und die Frage: Wer zahlt den Preis für Deutschlands Erneuerung?
Dieses Video wurde am 29.09.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Wer zahlt die Zeche für den nächsten wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer kontroversen Debatte zwischen dem langjährigen Siemens-Chef Joe Kaeser und der Linkenpolitikerin Janine Wissler. Beide sind sich einig, dass das Land vor enormen Herausforderungen steht – doch ihre Antworten auf die Frage nach Steuergerechtigkeit in Deutschland könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Während Kaeser die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft als oberste Priorität sieht, fordert Wissler eine stärkere Besteuerung hoher Vermögen und grundlegende Reformen des Sozialstaats.
Wettbewerb oder Gerechtigkeit: Zwei Grundpositionen
Joe Kaeser argumentiert, dass letztlich die Wirtschaft alle Rechnungen bezahlt – direkt oder indirekt. Kunden, Unternehmen und Arbeitnehmer seien in einem globalen Wettbewerb eingebunden, dem sich Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht entziehen könne. Sein Credo: Erst Tore schießen, dann über Verteilung reden. Statt zuerst Sparmaßnahmen zu diskutieren, müsse Deutschland Rahmenbedingungen schaffen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen – mit Innovation, guter Ausbildung und unternehmerischer Freiheit.
Wissler hingegen betont das Gerechtigkeitsproblem: Arbeit werde in Deutschland stark besteuert, Kapitalerträge hingegen deutlich geringer und Vermögen kaum. Nur rund drei Prozent des gesamten Steueraufkommens stammten aus vermögensbezogenen Steuern wie Grund- oder Erbschaftssteuer – in anderen Ländern seien es acht bis zehn Prozent. Wer sehr viel Geld besitze, lebe in der Regel von Kapitalerträgen, die mit lediglich 25 Prozent besteuert werden, während Arbeitnehmer deutlich höhere Abgaben leisten müssten.
Vermögenssteuer: Scheues Reh oder gerechtes Instrument?
Die Diskussion über eine Vermögenssteuer offenbart grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten. Wissler schlägt einen Freibetrag von einer Million Euro vor, oberhalb dessen ein Satz von einem Prozent erhoben werden soll. Da die Renditen hoher Vermögen in der Regel über einem Prozent liegen, würde das Vermögen selbst nicht schrumpfen, sondern lediglich langsamer wachsen.
Kaeser warnt dagegen vor Kapitalflucht: Unternehmen könnten zwar nicht ihre Fabrikhallen einpacken, aber problemlos ihren Hauptsitz verlagern, Patente anderswo eintragen lassen und damit die Steuersubstanz entziehen. Er verweist auf historische Beispiele – etwa Frankreichs Verstaatlichungswelle unter Mitterrand in den frühen 1980er-Jahren – als Beleg dafür, dass überzogene staatliche Eingriffe Kapital vertreiben.
Wissler kontert, dass Deutschland bis 1997 selbst eine Vermögenssteuer hatte und diese nicht wegen verfassungsrechtlicher Unzulässigkeit, sondern wegen fehlerhafter Bemessungsgrundlagen ausgesetzt wurde. Zudem existierten in zahlreichen anderen Ländern vergleichbare Instrumente, ohne dass dort massenhaft Kapital abgezogen worden sei.
Wohnungsnot und Enteignung: Der Streit um Berliner Verhältnisse
Besonders emotional wird die Debatte beim Thema Wohnungsnot. Wissler verweist auf den Berliner Volksentscheid, bei dem sich 60 Prozent der Abstimmenden für eine Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne ausgesprochen haben. Wohnen sei ein Grundbedürfnis und kein Renditeobjekt – wenn Menschen 60 Prozent ihres Gehalts für die Miete aufwenden müssten, sei das ein strukturelles Versagen.
Kaeser lehnt Enteignungen als Lösung ab. Er rechnet vor, dass die dafür veranschlagten 30 bis 42 Milliarden Euro keinen einzigen zusätzlichen Quadratmeter Wohnraum schaffen würden. Stattdessen plädiert er für den Abbau von Bürokratie beim Wohnungsbau und nennt das Beispiel der neu entstehenden Siemensstadt in Berlin, wo über 1.500 Wohnungen – ein Drittel davon als Sozialwohnungen – errichtet werden sollen.
- Wissler fordert einen bundesweiten Mietendeckel und konsequente Bekämpfung von Leerstand
- Kaeser sieht die Ursache der Wohnungsnot in überbordender Bürokratie, die Bauprozesse verteuert und verlangsamt
- Beide erkennen an, dass der Markt allein bezahlbaren Wohnraum nicht ausreichend bereitstellt
- Wissler will öffentliche Daseinsvorsorge wie Wohnen und Krankenhäuser grundsätzlich in gemeinnützige Hand überführen
Drei Punkte für Deutschlands wirtschaftliche Zukunft
Zum Abschluss formulieren beide ihre Prioritäten für einen wirtschaftlichen Neustart. Janine Wissler nennt erstens massive Investitionen in die Infrastruktur (Bahn, Brücken, Breitband), zweitens die Schließung der Gerechtigkeitslücke durch angemessene Beteiligung der Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Reichtum, und drittens zukunftsfähige Innovationen mit Blick auf den Klimawandel als größte wirtschaftliche Bedrohung.
Joe Kaeser setzt andere Akzente: An erster Stelle steht für ihn die drastische Reduzierung der Bürokratie – 61 Prozent der Unternehmen nennen sie als größtes Hemmnis. Dazu kommen eine Neuausrichtung der Innovations- und Förderpolitik hin zu echten Zukunftsfeldern sowie massive Investitionen in Bildung, die er als Wirtschaft von morgen bezeichnet.
Die Debatte zeigt: Über die Diagnose – marode Infrastruktur, sinkende Wettbewerbsfähigkeit, wachsende Ungleichheit – herrscht weitgehend Einigkeit. Die entscheidende Frage, wer den Preis für die notwendige Erneuerung tragen soll und wie ein gerechtes Steuersystem aussehen kann, bleibt politisch hochumstritten. Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, dürfte der gesellschaftliche Konflikt zwischen Wirtschaftsinteressen und sozialen Ansprüchen weiter schwelen.
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