Linkspartei und Antisemitismus: Symbolpolitik statt Lösung?
Die Linkspartei steht wegen Antisemitismus-Vorwürfen unter Druck. Schupelius analysiert, warum die eingeführten Kontrollmechanismen kaum mehr als Symbolpolitik sind.
Dieses Video wurde am 09.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Linkspartei steht unter erheblichem Druck: Vorwürfe antisemitischer Tendenzen in den eigenen Reihen, Kontakte zu Organisationen mit Verbindungen zur Hamas sowie eine Debatte über mögliche Koalitionsgespräche mit SPD und Grünen sorgen für politischen Wirbel. Statt die Kritik inhaltlich anzunehmen, wirft die Partei den Medien eine gezielte Hetzkampagne vor – eine Strategie, die an das Argumentationsmuster der AfD erinnert und laut Beobachtern vor allem der eigenen Wählerschaft gelten soll.
Medien als Sündenbock: Ein bekanntes Muster
Wenn interne Missstände und extremistische Strömungen öffentlich gemacht werden, greifen manche Parteien zu einem bekannten Mittel: Sie beschuldigen die berichtenden Medien, eine Kampagne zu führen. Die Linkspartei folgt aktuell genau diesem Muster. Dorothea Schupelius, stellvertretende Politikchefin bei WELT TV, ordnet das klar ein: Seriöser Journalismus bestehe darin, über Missstände zu berichten – unabhängig davon, ob es sich um die AfD oder die Linkspartei handelt.
Das Argument der „Medienhatz” sei in erster Linie Ablenkungspropaganda für die eigene Wählerschaft. Es solle verhindern, dass unbequeme Fragen gestellt werden – werde daran aber nichts ändern. Gerade weil SPD und Grüne erwägen, Sondierungsgespräche mit der Linkspartei aufzunehmen, sei genaues Hinschauen demokratisch geboten.
Wahlabend-Vorfälle und Verbindungen zu radikalen Organisationen
Bereits am Wahlabend hätten sich die Ereignisse überstürzt. Konkret stehen Kontakte zu Vertretern der Volksfront zur Befreiung Palästinas im Raum, einer Organisation, die in Teilen Europas als Terrororganisation eingestuft ist und Verbindungen zur Hamas unterhält. Entsprechende Vertreter sollen bei der Wahlparty der Linkspartei anwesend gewesen sein.
In einem demokratischen Rechtsstaat seien solche Verbindungen nicht schweigend hinzunehmen, so die Einschätzung. Dass diese Fragen als „Hetze” abgetan würden, sei nicht nur sachlich falsch, sondern politisch kalkuliert.
Antisemitismus-Kontrollmechanismen: Mehr Schein als Sein?
Um den Antisemitismus-Vorwürfen zu begegnen, hat die Linkspartei interne Kontrollgremien eingeführt. Doch deren Wirksamkeit wird grundlegend infrage gestellt – insbesondere dann, wenn das Problem struktureller Natur ist. Als Beispiel gilt die Abgeordnete Vanessa Emde, die das Existenzrecht Israels öffentlich in Frage stellt. Ob solche Positionen durch Gremienentscheidungen eingehegt werden können, erscheint fraglich.
Das Kernproblem liegt in der Definition selbst. Die Grenze zwischen berechtigter Regierungskritik und Antisemitismus ist im Kontext des Nahostkonflikts komplex und umstritten. Zu den strittigen Punkten zählen laut Schupelius unter anderem:
- Das Tragen der Kufiya (Palästinensertuch) als politisches Symbol
- Äußerungen auf pro-palästinensischen Demonstrationen
- Die Positionierung zum Jahrestag des 7. Oktober
- Rhetorische Verantwortungszuschreibungen an Israel für zivile Opfer im Gazastreifen
- Begriffliche Einordnungen zwischen „antiimperialistisch”, „antikolonialistisch” und antisemitisch
Dieses Spannungsfeld sei so vielschichtig, dass ein politisch eingesetztes Kontrollgremium kaum zu belastbaren Urteilen kommen könne. Es handle sich um Symbolpolitik, die SPD und Grünen einen Gesprächsanlass liefern solle – nicht um eine substanzielle Lösung.
Jüdische Community: Kritik an halbherzigen Maßnahmen
Auch aus der jüdischen Gemeinschaft kommen klare Signale: Offizielle Stimmen machen deutlich, dass die bislang eingeführten Mechanismen nicht ausreichen. Das verleiht der Kritik an der parteiinternen Aufarbeitung zusätzliches Gewicht – und stellt die Frage, ob Koalitionsoptionen mit einer Partei, die solche Strukturprobleme aufweist, politisch verantwortbar sind.
Wie belastbar eine mögliche Zusammenarbeit von SPD, Grünen und Linkspartei wäre, dürfte daher maßgeblich davon abhängen, ob die Partei zu einer ernsthaften und nicht nur formalen Auseinandersetzung mit den Vorwürfen bereit ist. Bisher liefert sie dafür wenig überzeugende Belege.
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