Schwesigs Aufholjagd: Was der SPD-Sieg bedeutet
Manuela Schwesig verdoppelt ihr SPD-Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern – doch Analysten warnen: Die AfD bleibt stark, Stimmen kamen vor allem von anderen Parteien.
Dieses Video wurde am 20.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gelingt Ministerpräsidentin Manuela Schwesig eine bemerkenswerte Aufholjagd: Die SPD verdoppelt ihr Ergebnis gegenüber den Umfragen vom Vorjahr und zieht entweder als stärkste Kraft oder als enger Zweiter ins Ziel. Politikanalysten sind sich einig, dass Schwesig eine starke Kampagne gefahren hat – warnen aber zugleich davor, daraus falsche Schlüsse für den Umgang mit der AfD zu ziehen.
Schwesigs Stimmengewinn kam nicht von der AfD
Vor einem Jahr lagen die Umfragewerte der SPD in Mecklenburg-Vorpommern bei rund 19 Prozent. Dass sich dieses Ergebnis bis zum Wahltag annähernd verdoppelt hat, ist in erster Linie Schwesigs persönlicher Popularität und ihrem strategischen Wahlkampf zuzuschreiben. Entscheidend ist jedoch die Herkunft dieser Stimmen: Sie wurden überwiegend bei anderen demokratischen Parteien gewonnen – nicht aus dem AfD-Milieu abgezogen.
Analysten betonen, dass Schwesig vor allem ein nicht-AfD-freundliches Wählermilieu mobilisiert und zugleich Wählerinnen und Wähler von CDU, Grünen und anderen Parteien zu sich geholt hat. Das ist ein politisch bedeutsamer Unterschied – denn die Kernwählerschaft der AfD blieb weitgehend unangetastet.
AfD bleibt trotz Niederlage eine Gestaltungsmacht
Die AfD wird in Mecklenburg-Vorpommern voraussichtlich ein deutlich niedrigeres Ergebnis erzielen als in Sachsen-Anhalt – ein Umstand, den Beobachter auch auf strukturelle Schwächen der Landespartei zurückführen. Das dortige Führungsduo ist intern zerstritten, das Professionalisierungsniveau bleibt hinter dem Nachbarbundesland zurück.
Dennoch gilt: Rund ein Drittel der Wählerinnen und Wähler in Mecklenburg-Vorpommern sind dem AfD-Lager zuzurechnen – und die sind auch nach dieser Wahl noch da. Der Einfluss der Partei macht sich zudem in der politischen Agenda aller anderen Parteien bemerkbar:
- Das Thema Rentenniveau (AfD-Forderung: 70 Prozent) hat alle Parteien zur Positionierung gezwungen.
- Mehrere Ministerpräsidenten – unabhängig von der Parteizugehörigkeit – haben sich gegen die Abschaffung der beitragsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ausgesprochen.
- In der Migrationspolitik ist eine Verschiebung des Diskurses erkennbar, auch wenn von einer AfD-geführten Politik keine Rede sein kann.
- Die Forderung, die Schulpflicht abzuschaffen, wie sie die AfD in Sachsen-Anhalt erhebt, hat bislang keinen Eingang in Regierungspolitik gefunden.
Die Schlussfolgerung lautet: Die AfD sitzt zwar nicht am Kabinettstisch, bestimmt aber über Themenführerschaft und öffentlichen Druck maßgeblich mit, welche Fragen auf die politische Tagesordnung kommen.
CDU droht historisch schlechtes Ergebnis
Während Schwesig zulegt, steuert die CDU Mecklenburg-Vorpommern auf ein mögliches Rekordtief zu. Bei der vorherigen Wahl kam sie auf 13 Prozent – ein bereits schwaches Ergebnis. Diesmal könnte sie ihr historisch schlechtestes Abschneiden bei einer westdeutschen Landtagswahl seit 1951 einfahren, als die CDU in Bremen auf 9 Prozent fiel. Ein Scheitern an der Fünfprozenthürde gilt zumindest als denkbares Szenario.
Sollte die CDU tatsächlich aus dem Schweriner Landtag fliegen, werden in Berlin sofort Fragen nach der Zukunft von Friedrich Merz als Parteivorsitzendem laut. Analysten halten es für möglich, dass Merz das Amt des CDU-Vorsitzenden noch vor Ende des folgenden Jahres freiwillig aufgibt – ein Rücktritt unter Druck aus den eigenen Reihen gilt hingegen als unwahrscheinlich, weil kaum ein Parteiführer bereit sein dürfte, die direkte Konfrontation zu suchen.
Einordnung: Einzelpersonen ersetzen keine Programmatik
Der Wahlausgang in Mecklenburg-Vorpommern liefert eine wichtige Lektion für die demokratischen Parteien insgesamt. Starkes Personal wie Manuela Schwesig kann Wahlen gewinnen – aber es kann keine strukturellen Probleme lösen, solange die Missstände bestehen bleiben, auf die die AfD ihre Mobilisierung aufbaut. Wer aus dem Schwesig-Effekt schlussfolgert, dass gutes Personal allein ausreicht, um die AfD einzuhegen, unterschätzt die Tiefe der gesellschaftlichen Unzufriedenheit.
Langfristig wird entscheidend sein, ob es gelingt, tatsächlich Wählerinnen und Wähler aus dem AfD-Milieu zurückzugewinnen – und nicht nur das eigene, ohnehin demokratisch orientierte Lager besser zu mobilisieren. Genau das ist in Mecklenburg-Vorpommern offenbar nicht gelungen. Die kommenden Landtagswahlen werden zeigen, ob sich das ändert.
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