Dieses Video wurde am 15.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Führung in Krisenzeiten stellt Unternehmerinnen und Manager vor wachsende Herausforderungen. Geopolitische Verwerfungen, beschleunigte Technologieentwicklung und ein immer dichteres Regulierungsumfeld haben das Anforderungsprofil für Vorstände und CEOs in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Erfahrene Führungskräfte sind sich einig: Fachwissen allein reicht längst nicht mehr aus – es braucht Weitsicht, Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, andere zu begeistern.
Geopolitik und Regulierung erhöhen den Druck auf Führungskräfte
International tätige Unternehmen sehen sich heute mit einer Vielzahl neuer Risiken konfrontiert. Sanktionen, Zollstreitigkeiten und Unterbrechungen in den Lieferketten sind keine Ausnahmeerscheinungen mehr, sondern Teil des unternehmerischen Alltags. Hinzu kommt ein wachsendes Regelwerk: Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz etwa verpflichtet Unternehmen, Verantwortung weit über die eigene Organisation hinaus zu übernehmen – bis hin zu Vorlieferanten mehrerer Ebenen.
Diese Anforderungen treffen insbesondere den Mittelstand hart. Gerade bei Generationenwechseln wird die Frage, ob die Nachfolgegeneration die Firma übernimmt, immer seltener als selbstverständlich betrachtet. Eine zunehmende Regulierungsmüdigkeit führt dazu, dass qualifizierte Führungskräfte über Rückzug oder Abwanderung nachdenken.
Dabei spielen auch technologische Veränderungen eine entscheidende Rolle: Die Informationsgeschwindigkeit hat stark zugenommen, und Themen wie KI-Governance – also die Frage, welche KI-Systeme ein Unternehmen einsetzt und wie es diese strukturiert – sind für jede Führungskraft verpflichtend geworden.
Was gute Führung heute auszeichnet
Einigkeit herrscht darüber, dass Weitsicht zu den zentralen Führungsqualitäten der Gegenwart zählt. Das bedeutet konkret: regelmäßig innezuhalten, Trends frühzeitig zu erkennen und langfristige strategische Prioritäten zu setzen – statt sich ausschließlich an kurzfristiger Kapitalmarktorientierung auszurichten.
Daneben wird Personalentwicklung als strategischer Faktor oft unterschätzt. Führungsexperten betonen, dass Debatten über Quoten zu häufig die entscheidendere Frage verdrängen: Ob die absolut am besten geeigneten Personen auf den wichtigsten Positionen sitzen. Der HR-Bereich ist damit zu einem der strategisch bedeutsamsten Unternehmensbereiche geworden.
Als dritte Schlüsseldimension gilt offene Kommunikation. Führungskräfte, die sich nicht als allwissende Entscheider verstehen, schaffen Räume für ungebetene, aber wertvolle Impulse. Eine Organisation, die keinen Widerspruch zulässt, ist langfristig nicht überlebensfähig.
- Weitsichtige strategische Planung statt kurzfristiger Renditeorientierung
- Qualitative Personalplanung und gezielte Talententwicklung
- Offene Kommunikation und aktives Zuhören auf allen Ebenen
- Empowerment der Mitarbeitenden durch Auftragsdelegation
- Bereitschaft zur Kooperation mit Start-ups und externen Innovatoren
Charisma ja – Sonnenkönige nein
Ein erfahrener Headhunter, der regelmäßig DAX-Vorstandspositionen besetzt, benennt eine Schlüsselfähigkeit als besonders entscheidend: die Fähigkeit, beim Betreten eines Raumes das Energielevel zu erhöhen. Dahinter steckt die Fähigkeit, Menschen zu begeistern und zu Leistungen zu motivieren, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten.
Doch Charisma allein birgt Risiken. Zu viel davon kann dazu führen, dass sich eine Organisation ausschließlich am Willen der Führungsperson ausrichtet – anstatt sachlich und strategisch zu handeln. Die Formel lautet daher: Energie einbringen, aber gleichzeitig Spielraum für andere schaffen und die Kreativität des Teams fördern.
Eine Studie der US Army liefert dazu einen interessanten Ausblick: In einem Feldexperiment analysierte eine KI die Persönlichkeiten aller Beteiligten und entschied situativ, wer in welcher Situation das Kommando übernehmen sollte. Das Ergebnis: Nicht immer war der ranghöchste Offizier die beste Wahl. Das Prinzip der Auftragsdelegation – bewährt im Militär – gilt ebenso in der Wirtschaft.
KI als Werkzeug – und die Grenzen der Maschine
Künstliche Intelligenz verändert bereits heute die Arbeitsweise von Führungskräften spürbar. Recherche und Informationsbeschaffung sind deutlich effizienter geworden; klassische Suchmaschinen werden zunehmend durch KI-gestützte Werkzeuge ersetzt. Gleichzeitig mahnen Praktiker zur Vorsicht: Halluzinationen von KI-Systemen erfordern eine kritische Quellenkontrolle.
Die grundsätzliche Frage, welche Aufgaben dauerhaft menschlich bleiben, bleibt offen. Weitgehende Einigkeit besteht jedoch darin, dass zwischenmenschliche Qualitäten – Empathie, das Aushalten von Imperfektion, echte Begeisterungsfähigkeit – auf absehbare Zeit nicht maschinell replizierbar sind. Für Unternehmen bedeutet das: Wer heute in Führung investiert, investiert in genau jene Fähigkeiten, die auch morgen unersetzlich bleiben.
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