Antisemitismus in Berlin: „Heute schließen sich Türen”
Drei Jahre nach dem 7. Oktober wächst der Antisemitismus in Berlin. Eine deutsch-israelische Journalistin schildert, wie er ihren Alltag und ihre Karriere verändert hat.
Dieses Video wurde am 07.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zieht die deutsch-israelische Journalistin Antonia Jamin eine ernüchternde Bilanz. Antisemitismus in Berlin ist kein abstraktes Problem mehr – er prägt den Alltag jüdischer Menschen in der Hauptstadt auf eine Weise, die vor dem 7. Oktober kaum vorstellbar schien. Jamin berichtet von wachsender Angst, beruflichen Rückschlägen und einem veränderten Lebensgefühl, das sie als deutschjüdische Mutter täglich spürt.
Antisemitische Vorfälle auf Rekordhoch
Die Zahlen sind alarmierend: Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) ereignet sich in Deutschland statistisch gesehen jede Stunde ein antisemitischer Vorfall – die meisten davon in Berlin. Seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023, dem schlimmsten Angriff auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa, ist die Zahl der Übergriffe nicht gesunken, sondern gestiegen.
Hinzu kommt ein politisches Klima, das viele jüdische Menschen besorgt. Mit der AfD erzielt eine Partei Wahlergebnisse, die es in dieser Größenordnung seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. In Berlin wurde die Linke zur stärksten Kraft – eine Partei, deren Verhältnis zu Israel und Antisemitismus von vielen jüdischen Vertreterinnen und Vertretern kritisch beäugt wird.
Angst im Alltag: Schule, U-Bahn, Straße
Für Jamin ist der Antisemitismus keine politische Abstraktion, sondern gelebte Realität. Ihre Tochter wird bald eingeschult – doch die Journalistin kann sie nach eigenen Angaben nicht auf eine reguläre staatliche Schule schicken. Die Wahl zwischen einer jüdischen Schule hinter Zaun und Polizeischutz und einer teuren Privatschule beschreibt sie als ihren „ganz normalen Alltag als deutschjüdische Mutter”.
Die Einschränkungen reichen weit in den öffentlichen Raum hinein:
- Studierende trauen sich kaum noch mit einem Davidstern in den Hörsaal.
- Eine Frau wurde auf Berliner Straßen verprügelt, weil sie eine Davidsternkette trug – obwohl sie selbst nicht jüdisch ist.
- Jamin und andere jüdische Menschen sprechen seit drei Jahren kaum noch Hebräisch in der Öffentlichkeit – in der U-Bahn oder auf der Straße.
Diese Selbstzensur, sagt Jamin, sei keine freie Entscheidung, sondern eine Schutzmaßnahme.
Israel in den Medien: Gehört nur, wenn es der Böse ist
Jamin kritisiert auch die mediale Berichterstattung über Israel. Als Beispiel nennt sie einen Vorfall der Vorwoche: Ein israelisches Flugzeug wurde beinahe Ziel eines Terroranschlags. Ein israelischer Passagier – von Beruf Klempner – überwältigte den Angreifer und verhinderte so eine Katastrophe. Die Geschichte fand kaum Resonanz in deutschen und internationalen Medien.
„Wenn Israel oder Juden gut dastehen, will man darüber nicht sprechen”, sagt Jamin. Ihrer Beobachtung nach interessieren Israelis die Öffentlichkeit vor allem dann, wenn sie als Opfer oder als Täter dargestellt werden können – eine Wahrnehmungsverzerrung, die sie seit Jahren verfolgt.
Vom Türöffner zum Karrierehindernis: Israels Image in Deutschland
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel auf professioneller Ebene. Seit neun Jahren arbeitet Jamin als Journalistin in Berlin. Früher, so erinnert sie sich, öffnete die Vorstellung als israelische Journalistin Türen – sie weckte Interesse, Neugier, Sympathie. Heute ist es umgekehrt.
„Heute, wenn ich Israel sage, schließen sich Türen”, fasst Jamin zusammen. Der Nahostkonflikt hat dazu geführt, dass ihre Herkunft und Identität in manchen Redaktionen und Netzwerken als Belastung wahrgenommen werden – nicht als Ressource.
Drei Jahre nach dem 7. Oktober steht die Frage im Raum, wie Deutschland mit dem wachsenden Antisemitismus in seiner Mitte umgeht. Jamin plädiert für Klarheit: Wer antisemitisch agiert, darf nicht hoffähig gemacht werden. Der gesellschaftliche Druck auf jüdische Menschen, unsichtbar zu werden, ist ein Warnsignal – eines, das laut Jamin zu lange ignoriert wurde.
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