Israel-Wahl: Arabische Parteien als Zünglein an der Waage
Nach der Israel-Wahl wächst die Macht arabischer Parteien – doch eine Koalition gilt als heikel. Politikberaterin Melodie Suharewitsch erklärt die komplizierte Lage.
Dieses Video wurde am 28.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Israel-Wahl hat ein denkbar knappes Ergebnis geliefert: Das Lager von Premierminister Benjamin Netanjahu liegt vorne, doch die endgültige Auszählung steht noch aus. Besonders auffällig ist das starke Abschneiden des arabischen Blocks, der erheblich an politischem Gewicht gewonnen hat und nun als mögliches Zünglein an der Waage gilt. Politikberaterin Melodie Suharewitsch aus Tel Aviv ordnet die Lage ein – und zieht dabei überraschende Parallelen zur Berliner Koalitionsdebatte.
Arabische Parteien stark – aber kaum koalitionsfähig?
Der arabische Block hat bei der Israel-Wahl massiv zugelegt und verfügt damit über erhebliches politisches Potenzial. Dennoch ist seine Rolle als Koalitionspartner für beide große Lager alles andere als selbstverständlich. Weder der Netanjahu-Block noch der Oppositionsblock sieht die arabischen Parteien als unkomplizierten Partner.
Ein konkreter Vorfall verdeutlicht die Problematik: Bei Wahlfeiern einer dieser Parteien wurden Lieder gespielt, die explizit zum Kampf gegen Israel aufrufen. Für die sogenannten zionistischen Parteien des Oppositionsblocks ist das ein Signal, das eine Zusammenarbeit erheblich erschwert.
Dennoch ist eine Kooperation nicht vollständig ausgeschlossen. Oppositionsvertreter haben angedeutet, eine Koalition sei denkbar, wenn die arabischen Parteien unter anderem die Hamas offiziell als Terrororganisation anerkennen. Ob eine solche Erklärung politisch tragfähig wäre, bleibt jedoch fraglich.
Der Vergleich mit Berlin: Ähnliche Struktur, andere Zwänge
Suharewitsch zieht eine aufschlussreiche Parallele zur deutschen Hauptstadt: Ähnlich wie SPD und Grüne in Berlin die Frage abwägen mussten, ob eine Koalition mit den Linken – trotz des Antisemitismus-Vorwurfs – vertretbar sei, steht Israel vor einem vergleichbaren Dilemma.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der geopolitischen Realität:
- Berlin kann es sich leisten, moralische Grenzen zu ziehen und eine Koalition auszuschließen.
- Israel befindet sich in einem permanenten Sicherheitsumfeld mit Bedrohungen durch den Iran und terroristische Gewalt.
- Neuwahlen gelten als politisch destabilisierend und sollen unbedingt vermieden werden.
- Eine stabile Regierung hat in Israel angesichts der Sicherheitslage höchste Priorität.
Dieses „Privileg”, eine Koalitionsoption kategorisch auszuschließen, existiere in Israel schlicht nicht, so Suharewitsch. Als Übergangslösung könnte eine Zusammenarbeit mit den arabischen Parteien daher weniger problematisch sein, als viele befürchten.
Der 7. Oktober und das Misstrauen in der Bevölkerung
Ein wesentlicher Faktor ist die tiefe psychologische Wunde, die der 7. Oktober in der israelischen Gesellschaft hinterlassen hat. Der Terrorangriff der Hamas wurde von einem großen Teil der palästinensischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten öffentlich bejubelt – sowohl im Westjordanland als auch im Gazastreifen.
Viele israelische Bürgerinnen und Bürger wissen nicht, wie sich arabische Israelis als Kollektiv zu diesen Ereignissen verhalten haben. Was sie jedoch wahrnehmen: Es gab immer wieder Terroranschläge durch arabische Israelis, und die politische Führung des arabischen Blocks hat sich nach allgemeiner Wahrnehmung nicht klar genug vom Terror distanziert.
Suharewitsch betont dabei ausdrücklich, dass viele arabische Wählerinnen und Wähler in Israel schlicht in Frieden und wirtschaftlicher Stabilität leben möchten – ohne jegliche Verbindung zu politischem Extremismus. Das Misstrauen in der Bevölkerung erschwere dennoch jede Koalitionsdiskussion erheblich.
Ausblick: Ergebnis offen, Situation angespannt
Zum Zeitpunkt der Analyse waren noch nicht einmal 80 Prozent der Stimmen ausgezählt. Eine belastbare Aussage über das endgültige Wahlergebnis und die daraus folgenden Koalitionsoptionen war damit nicht möglich. Die politische Unsicherheit dürfte noch einige Tage anhalten.
Was sich jedoch bereits abzeichnet: Israel steht vor einer komplexen Regierungsbildung, bei der keine einfachen Lösungen in Sicht sind. Die Frage, ob und unter welchen Bedingungen arabische Parteien in eine Koalition eingebunden werden können, wird die israelische Politik in den kommenden Wochen intensiv beschäftigen. Die Situation im Nahen Osten, so das Fazit der Expertin, sei eben „unglaublich kompliziert“.
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