Wahl in Israel: Netanjahus Comeback und die Hängepartie
Die Wahl in Israel endet ohne klare Mehrheit: Netanjahu holt starke Stimmen, doch eine Regierungsbildung scheint kaum möglich. Drohen Neuwahlen?
Dieses Video wurde am 28.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Wahl in Israel hat kein eindeutiges Ergebnis gebracht. Zwar konnte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu überraschend stark abschneiden und sich als dominierende Kraft im rechten Lager behaupten – doch zwischen seinem Block und dem Lager seines Herausforderers Gadi Eisenkott herrscht ein politisches Patt. Eine Regierungsbildung gilt als äußerst schwierig, Neuwahlen werden bereits als wahrscheinlichstes Szenario gehandelt. Politikwissenschaftler Professor Simon Wolfgang Fuchs ordnet das historische Ergebnis ein.
Netanjahus starkes Abschneiden – Sieg mit Schattenseiten
Netanjahu gelang es, sich mit klaren Botschaften als unumgängliche Führungsfigur des rechts-nationalen Lagers zu positionieren. Mit griffigen Slogans machte er deutlich, dass an ihm politisch kein Weg vorbeiführt. Das Ergebnis war für viele Beobachter überraschend deutlich – allerdings erkaufte er sich seinen Stimmenanteil durch eine Kannibalisierung des eigenen Lagers.
Parteien am rechten Rand verloren Stimmen an Netanjahu, weil er deren Positionen geschickt aufgriff und sich als die starke Stimme des gesamten rechten Spektrums inszenierte. Der Zuwachs im Gesamtlager blieb damit begrenzt.
Regierungsbildung: Patt und kaum Optionen
Das Wahlergebnis hinterlässt ein politisch gespaltenes Israel. Netanjahu fehlt für eine eigene Mehrheit die nötige Unterstützung, und auch die Opposition um Eisenkott kann nur mit Hilfe der arabischen Parteien eine Mehrheit erreichen – was jedoch als politisch nahezu unmöglich gilt.
Mögliche Szenarien für eine Regierungsbildung sind:
- Netanjahu versucht, einzelne Oppositionsparteien für eine große Koalition zu gewinnen
- Eine Minderheitsregierung mit wechselnden Mehrheiten
- Neuwahlen, falls keine handlungsfähige Koalition zustande kommt
Das Hauptproblem: Trotz inhaltlicher Nähe mancher Oppositionspolitiker zu Netanjahu gibt es erhebliche persönliche Animositäten und ein tiefes Misstrauen gegenüber dem langjährigen Ministerpräsidenten. Vor allem Neuwahlen gelten derzeit als das realistischste Ergebnis der Pattsituation.
Außenpolitischer Kurs: Iran, Hamas und die Rolle Trumps
In seiner Wahlnacht-Ansprache, die eher einer Wahlkampfrede ähnelte, formulierte Netanjahu zwei zentrale außenpolitische Botschaften: Er sieht sich als Sieger im jüdisch-zionistischen Lager und kündigte an, gemeinsam mit dem designierten US-Präsidenten Donald Trump die militärische Auseinandersetzung mit dem Iran zu einem Ende bringen zu wollen.
Ob ein entscheidender Schlag gegen die Islamische Republik tatsächlich gelingen kann, bleibt offen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass eine militärische Entscheidung gegen den Iran weitaus komplexer ist, als politische Ankündigungen vermuten lassen. Dennoch ist diese Ansage Teil einer klaren strategischen Positionierung gegenüber der Wählerschaft.
Rekordwahlbeteiligung und die Rolle der arabischen Bevölkerung
Die Wahlbeteiligung erreichte einen historischen Höchststand – die höchste in der Geschichte Israels. Zehntausende Israelis reisten eigens aus dem Ausland an, um ihre Stimme abzugeben. Besonders auffällig war die massive Mobilisierung der arabisch-israelischen Bevölkerung, die frühere Wahlen häufig boykottiert hatte.
Diesmal sind die arabischen Parteien so stark vertreten wie es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht. Ihr Stimmenzuwachs verhinderte rechnerisch eine komfortable Mehrheit für Netanjahu. Dennoch droht eine politische Enttäuschung: Solange keine der großen jüdischen Parteien bereit ist, mit arabischen Fraktionen formal zu koalieren, bleibt die arabische Wählerschaft trotz hoher Beteiligung strukturell ausgeschlossen – was das Gefühl der Zweitklassigkeit im politischen System verstärken könnte.
Die zentrale Frage, die diese Wahl aufgeworfen hat, ist grundsätzlicher Natur: Will Israel ein jüdisch-liberaler Staat bleiben – oder hat sich das Land, wie arabische Parteien kritisieren, bereits in Richtung einer Ethnokratie entwickelt? Diese Debatte dürfte das politische Israel noch lange beschäftigen, unabhängig davon, wann und wie die nächste Regierung gebildet wird.
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